Präsidiale Gelassenheit mag sympathisch wirken, ersetzt aber weder Tempo noch Entscheidungen – und schon gar keine politische Führung. Wenn Argumente fehlen, zählt das Lächeln Kritik am Inhalt wird schnell zum «Tonproblem» umgedeutet. Wer Klartext spricht, gilt rasch als «spaltend». Entscheidend scheint weniger was, als wie es präsentiert wird – idealerweise präsidial ruhig, mit erhobenem Zeigefinger und tückischem Dauerlächeln, während Verantwortung elegant beiseitegeschoben wird. Manchmal fragt man sich, ob dieses Lächeln nicht eher der strategische Joker ist, der alles auf Zeit spielt. Respekt wird zur politischen Sedierung. Statt sich mit Verzögerungen, Versäumnissen oder verpassten Chancen auseinanderzusetzen, erklärt man die Debatte kurzerhand zur Stilfrage. Wer so argumentiert, schützt nicht die Demokratie – er schützt Bequemlichkeit und Status quo. «Gemeinsam Lösungen finden» bedeutet oft: nichts zuspitzen, niemanden verärgern, alles vertagen. Fortschritt entsteht so nicht. Führung heisst entscheiden, priorisieren und Konflikte aushalten – nicht sie freundlich zu moderieren, bis sich niemand mehr daran stört. Wenn im Wahlkampf alles korrekt, harmonisch und folgenlos bleiben soll, stellt sich eine einfache Frage: Wozu wählen wir dann überhaupt? Respekt ja. Schonung nein. Und «Miteinander» darf nicht bedeuten, politisches Zögern unter präsidialem Dauerlächeln zu überdecken.
Susana D. Mayer, Volketswil

