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Das Gleichnis der Talente: mehr als nur Geldvermehrung

Erstellt von Tobias Günter, reformierter Pfarrer | |   Unsere Zeitung

Haben Sie schon oft darüber nachgedacht, inwiefern Arbeit Sie erfüllt oder für Sie sinnstiftend ist? Oder ist für Sie Arbeit „lediglich“ notwendige Pflicht? Ich meine, dass es in den allermeisten Fällen eine Art Mischung ist.

Zwar hat uns Gott vor Urzeiten aus dem Garten Eden vertrieben, damit wir die Erde bebauen und für uns selbst sorgen (Gen 3,23ff.), doch wäre es meines Erachtens furchtbar traurig, wenn Arbeit ausschliesslich mit Geld-Verdienen assoziiert würde. Die Arbeit ist ein wesentlicher Bereich für die Verwirklichung der Berufung des Menschen. Arbeit ist Gottesdienst im Alltag. Das war lange eine protestantische Grundüberzeugung, die sich bereits in einem Gleichnis Jesu aus dem Matthäusevangelium (Mt. 25) finden lässt. Dort heisst es: „Es ist wie mit Einem, der seine Knechte rief, bevor er ausser Landes ging und ihnen sein Vermögen anvertraute; und dem einen gab er fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten eines, jedem nach seinen Fähigkeiten, und er ging ausser Landes. Sogleich machte sich der, der die fünf Talente erhalten hatte, auf, handelte damit und gewann fünf dazu, ebenso gewann der, der die zwei hatte, zwei dazu. Der aber, der das eine erhalten hatte, ging hin, grub ein Loch und verbarg das Geld seines Herrn.“ Der dritte Knecht tut nichts Arbeit, so kann man das interpretieren, enthält immer zweierlei: die unterschiedlichen, natürlichen und deshalb gottgegebenen Fähigkeiten und Begabungen, die Talente. Und den möglichst erfolgreichen Einsatz dieser Gaben. Die beiden Knechte, die ihre Talente verdoppelten, werden nach der Rückkehr gelobt. Der dritte Knecht, der das Talent vergrub, wird dagegen beschimpft, als faul abgestempelt und schliesslich sogar vertrieben.

Talente verschenken, nicht verwalten

Was uns am Gleichnis wohl am meisten stört, ist, dass Besitz und Leistung über der Menschlichkeit zu stehen scheinen. Demjenigen Knecht, der schon 10 Talente hat, wird noch dasjenige Talent gegeben, das dem 3. Knecht weggenommen wird. Das erinnert mich an die Vermögen der 300 reichsten Schweizer/innen, die ohne Zutun beachtliche Renditen abwerfen. Arbeit wird wohl dann bereichernd und sinnstiftend, wenn wir die Talente nicht wie im Gleichnis als hohe Geldbeträge betrachten, sondern als Fähigkeiten und Begabungen, die darauf warten, verschenkt zu werden. Bereits Paulus schreibt (1. Kor 12,12ff.), dass wir dann am besten Frucht brächten, wenn wir uns die unterschiedlichen Talente der Menschen zur Förderung des Gemeinwohls zu Nutze machten. Auch die SP sprach kürzlich davon, dass Firmen in 1. Linie im Dienste der Mitarbeiterschaft stehen sollten. Wo hingegen Kapital verwaltet wird, wird auf kurzfristige Renditen vertraut, das Gemeinwohl ausser Acht gelassen und Menschen, die ihre Talente verschenken wollen, werden übersehen.

 

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Kommentare (2)

  • w.klee@2wire.ch
    am 30.05.2019
    Sehr geehrter Herr Günter,

    Aufgrund der vielen richtigen Aussagen in Ihrem Leserbeitrag weise ich Sie gerne hin auf ein neues Weltbild, das Sie zweifellos interessieren dürfte : Gradido (

  • Sehr geehrter Herr Günter,

    Aufgrund der vielen richtigen Aussagen in Ihrem Leserbeitrag weise ich Sie gerne hin auf ein neues Weltbild, das Sie zweifellos interessieren dürfte : Gradido ( Internet-Link : gradido.net/de/ ).

    Persönlich teile ich die etwas einseitige Beurteilung der Menschen des Kapitalismust schuldige Teufel genauso wenig wie die ebenfalls einseitige Beurteilung der Menschen des Sozialismus als naive Gutmenschen: Beide Gemeinschaften haben auch Verdienste durch positive Beiträge an die Lebensqualität für alle Menschen: die erst-genannte Gruppe durch das erhöhte verfügbar-Machen von Existenz- und Lebensqualität-relevanten Gütern, die zweit-genannte durch die Förderung einer menschlichen Kultur von Solidarität über Grenzen durch Verwandtschaft/Bekanntschaft hinweg.

    Werner Klee (Kindhausen)