Anmelden | Registrieren

Das sind wir: Michelle Halbheer

Erstellt von Daria Semenova | |   Unsere Zeitung

Seit 2022 in der Schulpflege: Michelle Halbheer über Lösungen, Rückmeldungen und junge Politik in Volketswil.

Politik, erzählt Michelle Halbheer, habe bei ihr «ein bisschen diffus» begonnen. Nicht mit einem Aha-Moment, sondern mit Routine: Abstimmungssonntage, an denen ihre Eltern beim Frühstück mit ihr diskutierten, worüber heute entschieden wird. Mit 13 oder 14 beginnt sie, Zeitungen zu lesen, mit Kolleginnen und Kollegen aus der Kantonsschule über Themen zu diskutieren, die ihnen im Alltag auffallen. Für sie ist es rückblickend der Beginn eines Weges, der sie vom Jugendparlament über mehrere Parteipräsidien bis in die Schulpflege geführt hat – ein Weg, der sich nie wie eine Karriereplanung anfühlte, sondern wie eine natürliche Folge ihrer Neugier.

Im Jugendparlament aktiv

Im Jugendparlament wird Halbheer früh aktiv: Podien moderieren, Workshops leiten, Diskussionen strukturieren – politische Bildung wird zu einem Feld, in dem sie sich schnell zu Hause fühlt. Parteipolitik spielt zunächst kaum eine Rolle; wichtiger ist ihr zu lernen, «wie man mit jungen Menschen über Politik spricht, ohne sie zu verlieren».

Politische Bildung bleibt eines ihrer Kernthemen. Staatskunde allein reiche nicht, sagt sie – entscheidend sei, dass junge Menschen lernen, wie sie tatsächlich teilnehmen können: Abstimmungsunterlagen verstehen, Perspektiven einordnen, Wahlen durchblicken.

Der Schritt in die Parteipolitik folgt später, mit der Gründung der Jungen BDP Kanton Zürich, aus der später die Junge Mitte hervorgeht. Sie sucht eine Partei, die «primär Sachpolitik macht» und unterschiedliche Sichtweisen zusammenbringt. «In Delegiertenversammlungen hast du Leute von weit links bis rechts – und am Schluss entsteht etwas, das alle ein Stück weit mittragen können.»

2022 wird sie in die Schulpflege gewählt – ein Amt, das sie bewusst angestrebt hat. Die Schule kennt sie seit Kindheitstagen über ihre Mutter, eine Sekundarlehrerin. «Politik sollte in der Schule nicht blockieren, sondern ermöglichen.» Die unmittelbare Wirkung schätzt sie besonders: Entscheide sind am nächsten Tag spürbar. «Und wenn etwas nicht gut ist, dann bekommst du ein Telefon. Das ist mega wertvoll, weil es dich zwingt, nah an den Menschen zu bleiben.»

Hoher Anspruch an die Schule

Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Pädagogik. Halbheer hat früh erlebt, wie Schulen unter politischem Spardruck leiden, und sagt rückblickend, die Pädagogik sei in früheren Jahren «teilweise zu kurz gekommen, fast ein bisschen totgespart» worden. Das Projekt «Pädagogik der Vielfalt» ist für sie ein Beispiel dafür, wie Schulen unterstützt werden können. Durch Weiterbildungen, Coaching, Zeitressourcen und individuelle Unterstützungsangebote sollen Lehrpersonen befähigt werden, mit der zunehmenden Heterogenität umzugehen.

Besonders wichtig ist ihr die Einführung von Klassenassistenzen im Kindergarten: «Wir haben gemerkt, dass Kinder schneller Sprache erwerben, weil die Lehrpersonen mehr Kapazitäten haben – das macht unglaublich viel aus.» Dass dieses Modell nun flächendeckend implementiert wird, empfindet sie als Erfolg der letzten Legislatur.

Viele der begonnenen Projekte laufen weiter – ein Trost, denn aus gesundheitlichen Gründen wird Halbheer 2026 nicht mehr kandidieren. «Ich hätte sehr gerne weitergemacht», sagt sie. «Ich habe noch viele Ideen, die ich gerne weiterverfolgt hätte.»

Volketswil als Politik-Bühne

Volketswil ist für Halbheer mehr als ein Wohnort. Sie spricht von der starken Vereinskultur, den Sportanlagen, dem Griespark, den Wäldern  – und von Orten, an denen Menschen sich begegnen können. Ein Herzensprojekt ist der Pumptrack, den sie selbst angestossen hat. Aus einer Petition entstanden und über drei Jahre hinweg mitentwickelt, wurde er 2024 eröffnet.

«Der Pumptrack ist ein Begegnungsraum», sagt sie. «Da stehen Leute nebeneinander, die sonst nie miteinander in Kontakt kommen würden – Kids mit krassen Bikes, Familien, Anfängerinnen und Anfänger, ältere Menschen, die einfach schauen.» Es sei einer dieser Orte, an denen man spüre, was eine Gemeinde ausmachen könne: unkomplizierte Begegnung, gegenseitige Unterstützung, Gemeinschaft.

Und sie fügt hinzu: «Wir haben viele Angebote für Senioren – aber für die Jugend fehlen Räume. Es braucht mehr solche Orte.»

«Wenn nicht ich, wer dann?»

Ihr Coming-out als Transfrau hat Halbheer bewusst öffentlich gemacht – nicht aus persönlichem Bedürfnis, sondern aus politischer Verantwortung. In den Monaten davor habe sie gemerkt, wie heftig Trans- und Queer-Themen auf kantonaler und nationaler Ebene diskutiert werden, «oft ohne die betroffenen Menschen überhaupt einzubeziehen». Sie habe sich gefragt, wer ­eigentlich öffentlich dagegenhalten könne, wenn Falschinformationen zirkulieren oder Angst geschürt werde. «Ich hatte das Gefühl: Wenn nicht ich, wer dann? Ich habe Medienerfahrung, ich kann solche Situationen einordnen und aushalten.»

Die Reaktionen – auch aus Volketswil – seien überraschend positiv gewesen; ältere Menschen hätten sie auf der Strasse angesprochen und gratuliert. Gleichzeitig hat der Schritt ihre eigene Sensibilität geschärft: «Ich sehe heute Themen, die ich vorher nicht gesehen habe. Man wird automatisch wacher.» Für sie steht fest: Queer-Anliegen gehören nicht einer bestimmten politischen Richtung. «Queer-Themen sind keine linken Themen», sagt sie. «Es sind Menschenthemen.» Sie möchte künftig sichtbarer machen, dass Vielfalt Teil des Gemeindelebens ist  – und bleiben soll.

Und nun?

In den kommenden Monaten möchte sich Halbheer auf ihre Gesundheit konzentrieren. Politisch bleibt sie aber präsent: Bildung, Diversität und Jugendpartizipation werden sie weiter begleiten. Langfristig blickt sie auf die Kantonsratswahlen 2027. Politik, sagt sie, sei für sie nie nur ein Mandat gewesen, sondern ein Lernraum.

Zum Schluss betont sie etwas, das ihr besonders wichtig ist: Kommunalpolitik habe wenig mit der Form von Politik zu tun, die man aus Bern kenne. Sie sei unmittelbarer, direkter, zugänglicher. «Man muss keine 40 Jahre Führungserfahrung haben, um in einer Gemeinde Verantwortung zu übernehmen», sagt sie. «Viele Ämter sind Lernräume. Man kann wachsen, ausprobieren, Fehler machen. Das ist mega wertvoll.»

 

«Das sind wir» – Lokalpolitik

Parteipräsident, Gemeinderat oder Mitglied der Sozialbehörde: In einer losen Folge lassen die «Volketswiler Nachrichten» politisch tätige Akteurinnen und Akteure über ihre Aufgaben, Herausforderungen und ihre Motivation, aber auch über Privates und ihre persönliche Beziehung zu Volketswil erzählen.

Zurück
Die Kommentarfunktion steht nur registrierten und angemeldeten Nutzern zur Verfügung. Zum Login.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!