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Der Tisch

Erstellt von Patric Kunz, Sozialdiakon, reformierte Kirche | |   Unsere Zeitung

Er steht in Gemeindesälen, in Küchen, in Stuben. Dort, wo Menschen zusammenkommen. Und dort, wo oft ganz leise entschieden wird, wer dazugehört und wer draussen bleibt. Es ist kein besonderer Tisch. Er hat Kratzer, Flecken, Gebrauchsspuren. Kein Altar. Und vielleicht gerade deshalb näher am Evangelium als manch anderes Möbelstück.

An diesem Sonntag sitzen Menschen an diesem Tisch, die sich sonst eher aus dem Weg gehen. Menschen mit klaren Überzeugungen und Menschen mit offenen Fragen. Verheiratete und Geschiedene. Konservative und Liberale. Sie sitzen nicht zusammen, weil sie sich einig sind. Sie sitzen zusammen, weil es keinen zweiten Tisch gibt. So beginnen viele biblische Geschichten. Nicht mit Antworten, sondern mit einer Zumutung. Menschen teilen einen Tisch. Niemand fragt nach Lebensläufen. Niemand prüft Haltungen oder Gesinnungen. Niemand verlangt Erklärungen. Jesus hat das immer wieder getan. Er hat gegessen mit Menschen, bei denen andere sagten, das geht so nicht. Mit Zöllnern. Mit Sündern. Mit Menschen mit falschem Ruf, falschem Leben, falschen Entscheidungen, je nachdem, wer gerade urteilt. Der Ärger war jedes Mal derselbe. Warum setzt du dich zu denen? Diese Frage ist alt. Sie zeigt sich nicht in Worten, sondern in Situationen. Dort, wo Menschen einander nahekommen und Liebe Raum findet. Es geht um Menschen, die einander achten und füreinander da sind. Auch wenn ihre Wege verschieden sind, ihre Geschichten unterschiedlich oder ihre Entscheidungen fremd erscheinen. Es geht nicht darum, alles zu verstehen oder zu ordnen. Es geht darum, Platz zu lassen. Platz für das Menschsein des anderen. Liebe zeigt sich in kleinen Gesten, in stillen Momenten, in gemeinsam verbrachter Zeit. Sie fragt nicht nach Normen oder Kategorien. Sie schaut hin, hört zu und lässt Raum. Vielleicht beginnt Akzeptanz genau dort, wo wir aufhören, alles zu beurteilen. Wo wir einen Stuhl stehen lassen, auch wenn wir nicht alles verstehen. Wo wir Menschen sein lassen, so wie sie sind. Der Tisch bleibt stehen, auch wenn alle wieder gehen. Wie eine Einladung, still und beständig. Wer darf Platz nehmen? Wer hat den Mut, sich hinzusetzen und dazubleiben? Denn am Ende zählt nicht, wer Recht hat, nicht wer richtig lebt, nicht wer dazugehört oder nicht. Am Ende zählt nur, dass wir den Platz lassen und die Liebe. 

Patric Kunz, Sozialdiakon, reformierte Kirche

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