Die Taube steht für die Sehnsucht des Menschen nach Frieden. Doch was meinen wir eigentlich, wenn wir von Frieden sprechen? Als Theologe und jemand, der sich in seiner Lizenziatsarbeit mit der Frage des gerechten Krieges und in einem Seminar auch mit Neutralität und bewaffneter Neutralität beschäftigt hat, schaue ich auf dieses Symbol mit einer gewissen Aufmerksamkeit. Denn die Gleichung «Frieden = Neutralität» scheint mir zu einfach. Die Geschichte der Schweizer Neutralität erzählt zunächst etwas anderes. Im Verlauf der europäischen Machtkonflikte entwickelte sich die Eidgenossenschaft zunehmend zu einem Staat, dessen Sicherheit auch darin lag, sich aus den Konflikten der Grossmächte herauszuhalten. Am Wiener Kongress von 1815 wurde die dauernde Neutralität der Schweiz völkerrechtlich anerkannt. Seither gehört sie zu den prägenden Elementen der schweizerischen Staats- und Identitätsgeschichte. Auch die lange Tradition des eidgenössischen Söldnerwesens wurde im 19. Jahrhundert zunehmend eingeschränkt und schliesslich weitgehend beendet. Neutralität bedeutet dabei: Die Schweiz ergreift in einem internationalen bewaffneten Konflikt grundsätzlich nicht Partei und beteiligt sich nicht an Kriegshandlungen der Konfliktparteien. Sie ist ein völkerrechtlicher Status und eine politische Tradition. Neutralität bedeutet aber nicht, dass uns Recht und Unrecht gleichgültig sein müssen. Und sie bedeutet schon gar nicht, dass jeder Bruch des Völkerrechts einfach hingenommen werden soll. Hier beginnt die schwierige, aber wichtige Unterscheidung zwischen Neutralität und Pazifismus. Ein Pazifist kann grundsätzlich jede Anwendung militärischer Gewalt ablehnen. Neutralität dagegen beantwortet eine andere Frage: Welche Stellung nimmt ein Staat in einem bewaffneten Konflikt ein? Das sind nicht dieselben Fragen. Ein neutraler Staat kann einen Krieg ablehnen, ohne deshalb jede Form politischer, humanitärer oder diplomatischer Verantwortung aufzugeben. Gerade die christliche Friedensethik hat sich mit diesem Spannungsfeld über Jahrhunderte auseinandergesetzt. Die Tradition des «gerechten Krieges» wollte Krieg keineswegs verherrlichen. Im Gegenteil: Sie suchte Kriterien dafür, wann der Einsatz von Gewalt angesichts schweren Unrechts überhaupt verantwortbar sein könnte. Gibt es einen gerechten Grund? Ist die Gewalt verhältnismässig? Geht es darum, Menschen zu schützen? Gibt es andere Möglichkeiten? Diese Fragen bleiben unbequem. Aber vielleicht brauchen wir gerade deshalb eine Vorstellung von Frieden, die mehr ist als die Abwesenheit von Krieg. Denn der biblische Frieden – der «Schalom» – meint nicht einfach, dass niemand schiesst oder jeder für sich in seiner Burg hockt. Schalom bezeichnet umfassendes Wohlergehen, Gerechtigkeit, Sicherheit und ein Leben in guten Beziehungen. Ein Frieden, der nur deshalb besteht, weil die Schwachen dem Stärkeren überlassen werden und auf dessen Gnade und Mildtätigkeit angewiesen sind, wäre in diesem Sinn kein wirklicher Frieden. Damit bekommt auch die Taube eine tiefere Bedeutung. Sie sagt nicht: «Haltet euch aus allem heraus.» Sie erinnert vielmehr daran: Frieden ist das Ziel. Doch wie ein solcher Frieden erreicht und bewahrt werden kann, ist damit noch nicht beantwortet. Vielleicht brauchen wir deshalb neben der Taube auch den Mut, über Verantwortung zu sprechen. Über Recht und Unrecht. Über die Pflicht, Menschen zu schützen. Über die Grenzen militärischer Gewalt. Und auch über die Grenzen dessen, was wir als neutrale Schweiz tun können und wollen. Frieden ist nicht dasselbe wie Neutralität. Neutralität kann dem Frieden dienen. Sie kann ein Beitrag dazu sein, Konflikte nicht weiter zu verschärfen und Raum für Vermittlung und Diplomatie zu schaffen. Aber Neutralität entbindet uns nicht davon, über Recht und Unrecht nachzudenken. Auch ein neutraler Staat muss sich fragen, welche Verantwortung er gegenüber Menschen, dem Völkerrecht und dem Frieden trägt. Die Taube bleibt deshalb für mich ein wunderbares Zeichen. Gerade weil sie uns nicht die ganze Antwort gibt. Sie erinnert uns daran, dass Frieden das Ziel sein muss. Aber sie erinnert uns ebenso daran, dass Frieden mehr ist als Schweigen, mehr als Nichteinmischung und mehr als die Abwesenheit von Krieg. Die Taube fliegt. Und vielleicht ist die entscheidende Frage nicht nur, wohin sie fliegt, sondern auch, welche Welt sie dort vorfindet.
Roland Portmann, reformierter Pfarrer


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