Der Duft von Glühwein liegt in der Luft. Lichterketten spiegeln sich in den Fenstern, auf Weihnachtsmärkten, an Firmenfeiern und in familiären Runden gehört Alkohol fast selbstverständlich zur festlichen Atmosphäre. Für viele ist das Teil der Vorfreude. Für andere beginnt genau hier eine schwierige Zeit. Gerade während der Festtage melden sich Menschen, bei denen Alkohol wieder stärker ins Bewusstsein rückt.
Michel Marchand, beobachten Sie in der Weihnachtszeit mehr Anfragen zum Alkoholkonsum?
Michel Marchand: Es ist nicht ganz eindeutig. Wir sehen eine leichte Zunahme der Anfragen, aber wir werden nicht überrannt. Häufig ist es eine Kombination aus mehreren Faktoren. Viele merken in dieser Zeit, dass Alkohol wieder ein Thema wird, melden sich aber oft erst dann, wenn sie im neuen Jahr wieder mehr Zeit haben. Gleichzeitig ist Alkohol auch für jene präsent, die bereits bei uns in Behandlung sind.
Weshalb wird Alkohol gerade inder Weihnachtszeit häufiger zum Problem?
Einige melden sich, weil sie bereits im Voraus wissen, dass es wieder schwierig werden könnte. Sie möchten besprechen, wie sie sich an einer Weihnachtsfeier oder einem Familienfest verhalten können. Dazu kommen betriebliche Anlässe und Weihnachtsmärkte, an denen Alkohol sehr präsent ist.
Sie erwähnen Weihnachtsmärkte als besondere Auslöser.
Gerüche wirken sehr stark. Menschen, die vielleicht seit sechs Monaten abstinent sind, berichten, dass sie keinen Suchtdruck mehr verspürt haben. Und dann gehen sie an einen Weihnachtsmarkt, und es riecht von allen Seiten nach Glühwein oder Bier. Das kann sehr überraschend sein. Viele merken dann, dass der Suchtdruck doch noch vorhanden ist, obwohl sie dachten, das Thema sei für sie abgeschlossen. Diese Rückversetzung kann auch im Alltag auftreten, etwa beim Einkaufen, wenn intensive Gerüche an frühere Konsummuster erinnern.
Was raten Sie Menschen, die merken, dass solche Situationen schwierig werden könnten?
Zuerst klären wir gemeinsam, worum es eigentlich geht. Geht es darum, weniger zu trinken, oder darum, gar nicht mehr zu trinken? Danach geht es um Vorbereitung. Viele planen bewusst alkoholfreie Getränke ein und nehmen sie selbst mit, etwa alkoholfreies Bier, Mocktails oder alkoholfreien Glühwein. So hat man sein eigenes Glas und startet entspannter. Oft stellt sich auch die Frage, welche alkoholfreie Alternative wirklich passt.
«Man darf Nein sagen, ohne sich rechtfertigen zu müssen.»
Michel MarchandLeiter Fachstelle Sucht Bezirk Uster
Was gehört neben der Getränkeauswahl noch zur Vorbereitung?
Es ist sinnvoll, vor dem Anlass etwas Sättigendes zu essen, etwa Brot, Käse oder Nüsse. Das verhindert, dass Alkohol zu schnell wirkt. Wir empfehlen auch, eine nüchterne Begleitperson einzuplanen oder jemanden einzuweihen, der unterstützen kann, falls Druck entsteht. Zudem hilft es, den Heimweg im Voraus zu klären und sich eine Zeitlimite zu setzen, etwa bis zehn Uhr zu bleiben.
Viele Menschen haben Mühe, Nein zu sagen. Wie unterstützen Sie dabei?
Wir ermutigen dazu, sich ein oder zwei Sätze im Voraus zu überlegen und diese auch zu üben. Man darf Nein sagen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Kurze, klare Sätze reduzieren Diskussionen. Manche wählen humorvolle Antworten wie ‹Heute ist bei mir Dry Mode›, andere verweisen auf Gesundheit oder sagen ehrlich und dosiert, dass sie keinen Alkohol mehr trinken. Auch einfache Sätze wie ‹Heute bleibe ich beim Wasser› funktionieren gut. Wichtig ist, dass die Formulierung zur Person passt und man ruhig bleibt, wenn nachgehakt wird.
Erleben Betroffene heute noch negative Reaktionen?
Deutlich weniger als früher. Alkoholfreies Bier und Mocktails sind heute normal, alkoholfreie Alternativen werden viel häufiger angeboten. Stark negative Reaktionen erleben wir nur noch selten.
Abgesehen von Alkohol: Was macht die Weihnachtszeit sonst schwierig?
Für viele ist sie emotional belastend. Einsamkeit ist ein grosses Thema. Menschen haben vielleicht einen Partner verloren, sind geschieden oder leben in neuen Familienkonstellationen. Wenn man überall Lichter sieht und merkt, dass man selbst nicht eingeladen ist, kann das schmerzhaft sein. Manche trinken dann nicht wegen der Feste, sondern aus Einsamkeit, Trauer oder gesellschaftlichem Druck.
Was hilft Menschen, die vor allem mit Einsamkeit kämpfen?
Das schauen wir gemeinsam in der Beratung an. Es geht um persönliche Strategien, aber auch um Gestaltung, etwa durch Selbsthilfegruppen, Vereine, Aktivitäten oder das Wiederaufnehmen alter Kontakte. Auch psychotherapeutische Unterstützung kann sinnvoll sein. Entscheidend ist, nicht allein zu bleiben.
Was möchten Sie den Leserinnen und Lesern zum Schluss mitgeben?
Niemand muss warten, bis sich eine Situation zuspitzt. Die Erstberatung bei uns ist kostenlos, und wir haben Kapazitäten. Es lohnt sich, früh Unterstützung zu holen, auch für Angehörige.
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Das empfiehlt die WHO zum Alkoholkonsum
Zwischen Jahresende und Neubeginn rückt der Umgang mit Alkohol stärker in den Fokus. Die WHO weist darauf hin, dass es keinen risikolosen Alkoholkonsum gibt: Alkohol ist toxisch und krebserregend, das gesundheitliche Risiko beginnt mit dem ersten Tropfen und steigt mit der Menge. In der Schweiz wird Alkohol aktuell diskutiert. Die eidgenössische Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention erarbeitet ein Positionspapier zum Alkoholkonsum, das dem Bundesrat und dem Bundesamt für Gesundheit als Grundlage für die Weiterentwicklung der Präventionsstrategie dienen soll. (ds.)


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