Anmelden | Registrieren

Ein kleiner Piks, der Leben retten kann

Erstellt von Tobias Stepinski (Text und Bilder) | |   Unsere Zeitung

Ein Piepen wie an einer Slotmaschine: Der Beutel ist voll – fast ein halber Liter rotes Gold, das Leben retten kann. Therese Gerber und Jamin Bertschi erzählen, warum sie spenden – sie zum 80. und er zum 2. Mal.

Auf der Liege in einem der Säle des Zentrums Gries liegt eine Frau mit hochgekrempeltem Ärmel und schaut zur Decke. Aus der Armbeuge führt ein dünner, durchsichtiger Schlauch – zuerst in einige kleine Röhrchen, mit denen das Blut später geprüft wird, dann in einen Beutel, der langsam dunkler und voller wird. Daneben rüstet eine Samariterin in weissem Kittel das nächste Set Material zurecht. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Dann ein helles, schnelles Piepsen. Es klingt wie der Jackpot an einer Slotmaschine im Casino. Doch hier geht es um etwas Wichtigeres: Der Ton macht darauf aufmerksam, dass der Beutel voll ist – 450 Milliliter rotes Gold.

Es ist Blutspendetag in Volketswil, wie jedes Jahr am zweiten Montag im Mai.

Zum 80. Mal

Therese Gerber, bald 67, hat es hinter sich. Vor ihr ein Glas Wasser, neben ihr ein Blumenstrauss. Es ist heute ihre 80. Spende. Begonnen hat sie mit 18. «Meine Mutter war im Samariterverein, meine Brüder gingen auch. Und dann ging ich einfach», erzählt sie. Beim ersten Mal sei alles noch altmodisch gewesen – ein Glas, eine blaue Flüssigkeit, in der man den sinkenden Bluttropfen beobachtete, um den Hämoglobinwert zu bestimmen. Heute geht das in Sekunden. Sie macht kein grosses Wort um ihre 80 Spenden. «Für mich ist das eine Gratiskontrolle», sagt sie nicht ganz ernst gemeint. Dann schiebt sie nach: «Nein, ich komme, weil es wichtig ist, jemandem etwas zu geben, der etwas braucht.» Ob sie die 100 vollkriegen wolle? «Die Zahl ist unwichtig. Ich mache so lange, wie es geht und ich spenden darf.»

Die Zahlen sinken

104 Spenderinnen und Spender kamen diesmal, darunter 12 zum ersten Mal. Aleksandra Strzalkowska, im Verein zuständig für die Organisation, ist um jede Spende froh, sieht aber einen negativen Trend: «Wir organisieren diese Aktionen seit Jahrzehnten und beobachten langfristig einen grossen Rückgang.» Viele treue Spendende gehörten zur älteren Generation und fielen wegen der Alterslimite bald weg. Gleichzeitig würden die medizinischen Vorgaben strenger.

Vier Gruppen bedrohlich tief

Wer hereinkommt, füllt zuerst einen Fragebogen aus, dann folgen Hämoglobin- und Blutdruckmessung und ein kurzes Gespräch mit der Ärztin. Erst dann geht es auf die Liege, wo das Blut entnommen wird. Den medizinischen Teil übernimmt der Blutspendedienst SRK, der Verein kümmert sich um Empfang, Betreuung und Verpflegung.

Wie dringend das Blut gebraucht wird, zeigt der aktuelle Blutgruppenstatus der Region Zürich. Bei vier der acht Blutgruppen sind die Bestände «bedrohlich tief»: 0 positiv, 0 negativ, A negativ und B negativ. Besonders gefragt ist 0 negativ – im Notfall kann es jedem Menschen übertragen werden. Im Spital wird das Blut in rote Blutkörperchen, Plättchen und Plasma aufgetrennt und je nach Bedarf eingesetzt – bei Unfällen, Operationen, Geburten oder Krebsbehandlungen.

Junge Spender fehlen

Auf einer Liege im hinteren Teil des Saals liegt der Volketswiler Jamin Bertschi, 20. Locker, in hellblauen Jeans und einem schwarzen Kurzarm-T-Shirt, kein Hauch von Nervosität. Zum ersten Mal hat er im Militär gespendet, heute ist er zum zweiten Mal dabei. «Ich möchte etwas Gutes tun», sagt er. «Für mich ist das nur ein kleiner Piks, aber es kann Leben retten.» Er werde wiederkommen – und würde sich freuen, wenn auch andere in seinem Alter mitmachten.

Genau dort liegt eine der Sorgen: Junge wie Bertschi sind seltener geworden. Strzalkowska sagt denjenigen, die noch Bedenken haben: «Einfach einmal ausprobieren und sich selbst ein Bild machen.»

Hinten auf der Liege drückt eine Samariterin der Frau einen Verband in die Armbeuge, eine zweite reicht ihr einen Becher Wasser. Sie setzt sich langsam auf, schwingt die Beine zur Seite und steht auf. Die Liege bleibt nur kurz leer, schon hat der Nächste Platz genommen.

Weitere Informationen: www.samariter.ch 

 

Zurück
Die Kommentarfunktion steht nur registrierten und angemeldeten Nutzern zur Verfügung. Zum Login.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!