«Selbstoptimierung» ist hier das Stichwort – sonst verpasst man den Anschluss. Viele Menschen sind müde – das hat mir kurz vor Weihnachten auch mein Arzt bestätigt. Müde, und das über längere Zeit hinweg und anhaltend. Ferien oder eine kurze Auszeit oder Vitamin D allein helfen da nur bedingt, wenn man nachher wieder zurück ins Hamsterrad steigt. An Heiligabend, dem 24. Dezember also, haben wir Christnacht gefeiert. Ein musikalischer Beitrag im Gottesdienst dauerte rund 12 Minuten. Ich sass auf der Kanzel und die Piano-Musik begleitet mit Cello und Geige plätscherte dahin ... Ich konnte nicht anderes tun als da sein und zuhören. Meine Gedanken schweiften ab und hin und her und ich wurde ruhiger. Der Sturm um mich und in mir verstummte. Da spürte ich etwas vom Zauber von Weihnachten – ja, das war meine ganz persönliche Weihnachten. Viele Menschen sehnen sich in der gegenwärtigen Zeit nach Ruhe und Geborgenheit. Nach Räumen, wo sie einfach nur ich sein können. «Zweckfreie Zeit» nennt das einer meiner Kollegen auch: Nicht Zeit zum Erholen oder Auftanken – das wäre ja schon wieder ein Zweck, Ziel und somit ein «Müssen». «Zweckfreie Zeit», einfach Sein – dazu braucht es Räume. Ein Raum dafür ist der Gottesdienst – sei es am Sonntagmorgen oder eben an kirchlichen Feiertagen. Im Gottesdienst kann ich einfach sein: ich kann mitsingen, mitbeten und mitdenken – aber ich muss nicht. Er ist aber mehr als nur eine «Auszeit»: Er ist gestaltet, geordnet und zeitlich begrenzt. Er ist ein Raum, in dem Transzendenz, die Begegnung mit dem Göttlichen stattfinden kann. Der Gottesdienst ist also eine Chance, damit die Stürme in unserem Leben einen Moment ruhen können.
Roland Portmann, reformierter Pfarrer


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