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"Gut genug"

Erstellt von Peter Baldini | |   Unsere Zeitung

«Seit ich pensioniert bin, bin ich ja zu nichts mehr nütze.» Der Mann sagt es beiläufig, zwischen Suppe und Hauptgang. Vierzig Jahre hat er gearbeitet, Verantwortung getragen, eine Familie ernährt. Und jetzt, wo niemand mehr etwas von ihm verlangt, scheint ihm auch der eigene Wert abhandengekommen zu sein.

Solche Sätze erzählen von einem Druck, den viele von uns kennen: dem Gefühl, nie ganz zu genügen. Als Eltern sollen wir ­geduldig und kreativ sein und natürlich gesund kochen. Im Beruf flexibel, belastbar und immer erreichbar. In der Freizeit sportlich, gut vernetzt und dabei entspannt. Und im Alter aktiv, fit und bloss niemandem zur Last fallen. Auf dem Handy zeigen uns andere täglich, wie das alles mühelos gelingt. Kein Wunder, dass wir uns vergleichen. Und beim Vergleichen verlieren wir fast immer. Dabei ist der Anspruch, perfekt zu sein, eine schwere Last. Er macht müde, manchmal einsam und oft auch hart, gegen uns selbst und gegen andere. Wer ständig beweisen muss, dass er genügt, hat wenig Kraft übrig für das, was eigentlich zählt. Die Bibel setzt diesem Druck etwas entgegen, das mich immer wieder berührt. Als Jesus getauft wird, erzählt sie von einer Stimme vom Himmel: «Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.» Das Bemerkenswerte daran: Zu diesem Zeitpunkt hat Jesus noch nichts vorzuweisen. Er hat noch nicht gepredigt, niemanden geheilt, keine Menschen bewegt. Die Zusage kommt nicht am Ende als Belohnung für eine gute Leistung, sondern ganz am Anfang. Zuerst die Liebe, dann das Leben. Ich bin überzeugt, dass diese Zusage nicht nur ihm gilt, sondern jedem Menschen. Wir sind wertvoll, bevor wir etwas leisten, und wir bleiben es auch dann, wenn wir nichts mehr leisten müssen. Nicht weil wir fehlerlos wären, sondern weil wir sind. «Gut genug» klingt für manche nach Mittelmass. Ich sehe es anders. Wer nicht mehr perfekt sein muss, wird frei. Frei, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Frei, um Hilfe zu bitten. Frei, auch anderen ihre Unvollkommenheit zu gönnen. Der gekaufte Kuchen am Kindergeburtstag schmeckt übrigens auch. Und der Wert eines Menschen endet nicht an dem Tag, an dem er seinen Arbeitsplatz räumt. Vielleicht probieren Sie es diese Woche einmal aus: den Anspruch an sich selbst ein wenig tiefer zu hängen. Und dafür einen Moment länger bei dem zu verweilen, was Ihnen schon gelungen ist. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Peter Baldini, Sozialdiakon, Reformierte Kirche

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