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Halbzeit

Erstellt von Tobias Günter, reformierter Pfarrer | |   Unsere Zeitung

Das Wort «Halbzeit» ist in aller Munde. Zuerst verbinden wir dieses mit Fussball und der wohlverdienten Pause für die Spieler/-innen. Bei Fussballübertragungen nutzen auch wir diese Pause oft dafür, Chips zu holen, das leere Glas aufzufüllen oder kurz auf die Toilette zu gehen. Wenn wir aber weiter über das Wort «Halbzeit» nachdenken, merken wir, welche weit reichende Bedeutung dieses neben dem Sport hat. In jeder Mittagspause stärken wir uns für die zweite Halbzeit des Tages, vor ­einem Monat haben wir die erste Halbzeit des Kalenderjahres hinter uns gebracht, und wer zwischen 40 und 45 Jahre alt ist, hat, zumindest für den Durchschnitt gesprochen, die erste «Lebenshalbzeit» hinter sich.

Halbzeiten haben also mit Einteilungen zu tun. Wir wissen, dass nach der ersten die zweite Halbzeit, nach dem Morgen der Nachmittag und nach den Monaten Januar bis Juni die Monate Juli bis Dezember kommen. Während Optimist/-innen das halb volle Glas sehen, beklagen sich Pessimist/-innen darüber, dass die erste Ferienwoche bereits vorbei ist, statt sich über die noch bevorstehende zweite Ferienwoche zu freuen. Gott denkt oder handelt, im Gegensatz zu uns Menschen, weder in zeitlichen Rastern noch in Kategorien. Während der alttestamentliche Abraham als 75-Jähriger der Stimme Gottes gehorcht und seine vertraute Umgebung verlässt (Gen 12), besiegt der schmächtige Hirtenjunge David den furchteinflössenden Krieger Goliath (1. Sam 17) und rettet so sein Volk Israel vor zahlreichen Heeresverlusten. Während Schriftgelehrte und Pharisäer eine Ehebrecherin blossstellen wollen und gespannt auf Jesu Urteil warten, spricht dieser die Ehebrecherin frei (Joh 8, 1 – 11). Sprachliche Kategorien sind für uns Menschen elementar. Unsere Kommunikation wird durch sprachliche Kategorien enorm erleichtert, und wir können uns glücklich schätzen, dass wir, aufgrund gelernter Sprachfähigkeit, wissen, was mit dem Wort «Halbzeit» gemeint ist. Problematisch werden sprachliche Kategorien aber dann, wenn wir diese nicht mehr hinterfragen bzw. vorschnell verallgemeinern und uns an Vorurteilen orientieren, s. unten. «Ältere Menschen sind ungeduldig.» – «Arabische Familienclans sind kriminell.» – «Jugendliche sind laut und unkonzentriert.» – «Die Generation Z lehnt das Leistungsprinzip ab.» Ich hoffe, dass wir alle, im Sinne des Optimismus, stets das halb volle Glas sehen und uns nach einer anstrengenden Lehr- oder Studienhalbzeit auf das noch Bevorstehende freuen können und dieses statt als Schwierigkeit als Chance bezeichnen. Und sollte es gar nicht mehr stimmen, ist’s nie zu spät für einen Neuanfang, auch nicht in der zweiten Lebenshalbzeit. Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Sonntag und eine freudvolle zweite Sommerhalbzeit. 

Tobias Günter, reformierter Pfarrer

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