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Hansruedi Wolfensberger

Seit zehn Jahren ist Hansruedi Wolfensberger als Schulsenior an der Volketswiler Schule im Einsatz. Er unterstützt die Kinder während des Unterrichts und versucht sie zu motivieren. Dem heutigen Bildungssystem steht er kritisch gegenüber.

«Diese Freiwilligenarbeit macht mir grossen Spass», sagt Hansruedi Wolfensberger. «Ich habe das Gefühl, ­einen Beitrag leisten und einigen Kindern helfen zu können.» Rund einen halben bis einen Tag pro Woche ist er während des Unterrichts im Schulhaus Hellwies im Klassenzimmer der Mittelstufe anwesend, beobachtet die Kinder und unterstützt dort, wo er es nötig findet. «Ich dränge mich auf», sagt er lachend. «Ich erkläre ihnen die Aufgaben, und wenn ein Kind sagt, ‹jetzt habe ich es verstanden›, ist das ein Höhepunkt für mich.» Seine Spezialfächer sind Mathematik und Geometrie, aber wenn nötig hilft er auch in sprachlichen Fächern. «Im Vorfeld der Semesterplanungen kann man in Absprache mit der Lehrperson seine Wünsche angeben.»

Kritik am Schulsystem

Während des Unterrichts muss er jedoch immer wieder feststellen, dass mehrere Kinder unbeteiligt in ihren Bänken sitzen und nicht an ihren Aufgaben arbeiten. «Die heutige Bildungspolitik hat viele Mängel», lautet sein Fazit. «Die Bildungsdirektion sitzt an ihren Schreibtischen und verändert ihre Vorgaben zu oft und vielmals zum Schlechten. Sie haben zu wenig Bezug zum effektiven Schulalltag. Sie sollten vermehrt in die Praxis gehen, und zwar nicht nur für einen kurzen Besuch, sondern über einen längeren Zeitraum.» Gemäss Lehrplan 21 sind die Lehrpersonen keine klassischen Wissensvermittler mehr, sondern lediglich Coaches, die allfällige Fragen der Kinder beantworten. Das Wissen sollen die Kinder selbstständig erwerben. «Das mag bei einigen Kindern funktionieren», so der pensionierte Ingenieur. «Aber viele Kinder in Volketswil kommen aus bildungsfernen Familien und bekommen im Elternhaus keine Unterstützung. In der Mathematik habe ich schon einigen Kindern helfen können. Aber fast die Hälfte der Mittelstufenkinder beherrschen zum Beispiel das Einmaleins nicht. Dabei ist das ein notwendiges Basiswissen im Erwachsenenleben.» Einmal habe er einem Jungen, bei dem er spürte, dass er weiterkommen wollte, über mehrere Wochen das Einmaleins beigebracht und mit ihm geübt, bis es sass. «Seine Mutter freute sich darüber und bat den Sohn, dies mit der gleichen Methodik auch seiner jüngeren Schwester beizubringen.»

Herausforderung für die Lehrpersonen

Er betont, dass sich seine Kritik auf das System bezieht und nicht auf die Lehrpersonen. Diese leisteten im Gegenteil fast Übermenschliches. Sie sollten die Kinder individuell fördern, Erziehungslücken aus dem Elternhaus füllen, Sozialkompetenzen übermitteln et cetera und würden vom System teilweise eher behindert als unterstützt. Hin und wieder werden die Schulseniorinnen und -senioren zu Weiterbildungen eingeladen. «Dabei sprach ich einen Referenten auf das obige Thema an. Er antwortete, dass er die Problematik kenne, aber heutzutage hätten die Leute ja alle Rechner auf ihren Handys.» Auch den Sprachunterricht sieht Hansruedi Wolfensberger kritisch. «Eine Katastrophe finde ich das Frühfranzösisch für Kinder, die schon Mühe mit der deutschen Sprache haben. Und auch das entsprechende Lehrmittel ist fragwürdig. Da müssen die Kinder komplizierte Wörter lernen, die weit entfernt sind vom Basiswissen. Jede Sprache hat rund 2000 Wörter, die wichtig sind für die normale Umgangssprache. Um diese Wörter herum würde ich ein Lehrbuch entwickeln.» Seiner Meinung nach erkennen viele Lehrpersonen zwar die Probleme des heutigen Schulsystems, sind aber zu wenig mutig, um Änderungen zu fordern. «Eher wechseln sie den Beruf, als sich zu wehren.»

Zurück zu den Kleinklassen

Früher wurden die leistungsschwächeren Kinder in Kleinklassen unterrichtet. Dadurch wurden die Lehrpersonen stark entlastet. Heute sind alle Leistungsstufen in eine Klasse integriert, und dafür kommen Klassenassistenten in die Klassen, um besonders schwache Kinder einzeln zu unterstützen. «Die Gemeinden klagen oft, es fehle das Geld für Kleinklassen. Würden sich jedoch die jetzigen Klassenassistenten nicht nur um einzelne, sondern gleichzeitig um fünf oder sechs Kinder in Kleinklassen kümmern, käme das die Gemeinden meiner Meinung nach sogar günstiger.» Trotz aller Kritik liebt Hansruedi Wolfensberger seine Arbeit als Schulsenior. «Ich bin sehr interessiert an der Schule und bin in der komfortablen Lage, frei meine Meinung sagen zu können.» Vielen Kindern scheine die Schule egal zu sein. «Ich versuche, sie zu motivieren, und konzentriere mich auf diejenigen, die weiterkommen wollen.» Nach den Sommerferien kommen neue Fünftklässler in seine Klasse und die ehemaligen Fünftklässler sind nun Sechstklässler. «Ich habe stets den Ehrgeiz, mir alle Namen zu merken. Und das ist bei gewissen Namen gar nicht so einfach», ergänzt er schmunzelnd. «Manchmal kommt es vor, dass mich ehe­malige Schülerinnen und Schüler auf der Strasse wiedererkennen und freudig grüssen. Das sind schöne Erlebnisse. Das empfinde ich als meinen Lohn.»

Ein bewährtes Freiwilligenprojekt: In der Schule Volketswil sind seit 1998 Schulseniorinnen und -senioren im Einsatz. Mitmachen können Volketswilerinnen und Volketswiler ab 60 Jahren, die die notwendige Begabung und Freude an der Arbeit mit Kindern haben. Eine pädagogische Ausbildung ist hierzu nicht nötig. Da es sich um einen Freiwilligen-Einsatz handelt, geht man dabei keine Verpflichtung ein. Als Anerkennung werden die Freiwilligen jährlich zu einem Dankesanlass eingeladen. Die Einsätze finden auf allen Schulstufen statt und werden durch eine Arbeitsgruppe organisiert, wobei jede Schule eine eigene Koordinationsstelle hat, die mit den Freiwilligen die Einsätze plant. Interessierte erhalten von Susanna Rindlisbacher, Telefon 076 419 50 14 oder E‑Mail s.rindlisbacher@swissonline.ch, Auskunft.

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