Doch vielleicht zuerst der Reihe nach. Vor ein paar Jahren haben meine Frau und ich beschlossen, den Jakobsweg unter die Füsse zu nehmen. Ja, genau: den Camino nach Santiago de Compostela. Diesen alten Weg, den seit dem Mittelalter unzählige Pilgerinnen und Pilger gehen, um das Grab des Apostels Jakobus zu besuchen. Er ist wohl der berühmteste Pilgerweg Europas. Da wir beide noch im Arbeitsleben stehen, haben wir uns vorgenommen, immer dann eine Etappe des Schweizer Jakobswegs zu gehen, wenn es unsere Zeit erlaubt. Mal einen Tag, hie und da auch zwei Tage mit Übernachtung. In Bregenz sind wir gestartet und vor rund einem Monat in Schwyz angekommen. Nun wollten wir es einmal mit einer ganzen Woche versuchen. Die Sommerferien boten sich dafür geradezu an. Von der Hitze dieses Sommers ahnten wir damals allerdings noch nichts. Gesagt, getan. Und schon standen wir in Schwyz vor dem Wegweiser: Innenstadt oder Wald? Meine Frau bevorzugte den Wald, ich war anderer Meinung. Brunnen stand schliesslich auf beiden Wegweisern. Wer hat sich durchgesetzt? Ich, durch und durch ein Gentleman, liess meiner Frau natürlich den Vortritt. Und so kam es, wie es kommen musste: Wir mühten uns einen steilen Hügel hinauf. Dabei hatte auf der Website doch gestanden, dass es sich um einen einfachen Weg Richtung Ingenbohl und von dort noch um ein paar hundert Meter bis zum Hafen von Brunnen handle. Davon war allerdings nicht viel zu spüren. Hinzu kam, dass ich meistens nicht gerade bester Laune bin, wenn ich noch keinen Kaffee getrunken habe. Doch weit und breit war kein Restaurant in Sicht. So kam alles zusammen: der falsche Weg, Kaffeeentzug und schliesslich noch ein Zwischenspurt, damit wir in Brunnen das Kursschiff nach Treib erreichen konnten. Das ist der Jakobsweg. Ein Weg, auf dem man viel erlebt. Und vielleicht ist er gerade deshalb auch ein Sinnbild für unser Leben. Da sind Diskussionen mit dem Partner oder der Partnerin, Rücksichtnahme aufeinander, richtige und falsche Entscheidungen, Anstrengungen und Herausforderungen. Da sind Gespräche und Begegnungen, aber auch die Stille in den Kirchen am Weg. Und natürlich gehören auch Blasen an den Füssen und Hunger dazu. Es gäbe noch so vieles zu erzählen. Zum Beispiel von der Begegnung mit einer deutschen Pilgerin, die den Verein «Lehrer und Lehrerinnen ohne Grenzen» gegründet hat, um Schulen in reichen Ländern mit Schulen in der sogenannten Dritten Welt zu verbinden. Oder von Brienz. Als wir am Freitag dort ankamen, versperrten zwei Polizistinnen mit Sturmgewehren den Weg. In Brienz war gerade ein Banküberfall mit Geiseln im Gange. Zum Glück ging alles gut aus: Der Täter ergab sich und die Geiseln konnten befreit werden. Ist nun also der Weg das Ziel? Es klingt vielleicht etwas abgedroschen. Für den Jakobsweg aber hat dieser Satz nichts von seiner Aktualität verloren. Sie kennen das Sprichwort: «Wenn du es eilig hast, dann nimm einen Umweg.» Ob links oder rechts, nach vorne oder nach hinten, auf dem direkten Weg oder über eine Umleitung – all das gehört zum Jakobsweg. Und irgendwie auch zu unserem Leben. Manchmal sind wir sehr zielstrebig unterwegs, immer von A nach B. Wir haben ein Ziel vor Augen und wollen möglichst schnell dort ankommen. Aber vielleicht geschieht Entscheidendes in unserem Leben gerade unterwegs. Auf dem Weg. Dort, wo wir es nicht erwartet haben. Vielleicht sind es die Begegnungen, die Umwege, die kleinen Überraschungen oder sogar die vermeintlichen Fehlentscheidungen, die unserem Leben eine besondere Richtung geben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen offene Augen und Ohren und offene Sinne. Damit Sie auf Ihren Wegen auch das Kleine entdecken, das Unscheinbare, das scheinbar Nicht-so-Wichtige. Denn vielleicht ist es gerade das, was am Ende wirklich zählt. Und vielleicht treffen wir uns ja einmal auf dem Camino. Wer weiss?
Tarzisius Pfiffner, katholischer Seelsorger


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