«Mami», «Baba», «Anne», «Mother» – für viele Kinder in Volketswil ist Mehrsprachigkeit Alltag. Zu Hause werden unterschiedliche Sprachen gesprochen und draussen Schweizerdeutsch. In der Gemeinde leben über 5000 Menschen aus 112 Nationen.
Am Elternbildungsanlass «Sprich mit mir und hör mir zu!», des Bildungsnetzwerks der Gemeinde Volketswil referierte Marianne Steiner, Bereichsleiterin Weiterbildung und Dienstleistungen am Institut für Frühe Bildung der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, über Chancen und Herausforderungen der frühen Mehrsprachigkeit.
Marianne Steiner, wie sind Sie persönlich zum Thema Mehrsprachigkeit gekommen?
Ich habe selbst im Ausland gelebt und weiss aus eigener Erfahrung, wie es ist, eine Sprache nicht zu beherrschen und sich nicht verstanden zu fühlen. Gerade für Kinder ist das besonders herausfordernd. Wenn sie in den Kindergarten kommen, ist es entscheidend, dass sie den Übergang gut bewältigen können – und Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle. Beruflich habe ich lange in der Mütter- und Väterberatung gearbeitet und viele Familien mit Migrationshintergrund begleitet. Heute arbeite ich für eine Fachstelle sowie an der Pädagogischen Hochschule und befasse mich dort intensiv mit früher Förderung.
Sie begleiten Familien teils über mehrere Jahre. Wie sieht diese Arbeit konkret aus?
Bei der Fachstelle sind wir direkt mit Familien der Gemeinde in Kontakt, etwa bei Sprachstandserhebungen oder beim Übergang in Spielgruppe, Kita oder Kindergarten. An der Pädagogischen Hochschule unterstützen wir in meinem Arbeitsbereich Fachpersonen, Gemeinden und Kantone dabei, gute Rahmenbedingungen für Familien mit kleinen Kindern zu schaffen. Ziel ist immer, qualitativ hochwertige Angebote für Kinder im frühen Kindesalter sicherzustellen und einen möglichst niederschwelligen Zugang zu schaffen.
Wie verläuft der Spracherwerb bei Kindern im jungen Alter von 0 bis 8 Jahren?
Sprache wird in den ersten Lebensjahren nebenbei gelernt – durch soziale Interaktionen mit Bezugspersonen und anderen Kindern, im Alltag und im Spiel. Entscheidend ist die Qualität der Sprache. Eltern sollten jene Sprache sprechen, die ihnen am nächsten ist, meist die Muttersprache. Nur dann sind Emotionen dabei, und Emotionen sind zentral für den Spracherwerb.
Hier geht es zum Video mit Tipps für Eltern und alle Interessierten.
Heisst das, dass zu Hause nicht zwingend Deutsch gesprochen werden muss?
Ja. Wenn Eltern Deutsch nur unsicher beherrschen, ist es sinnvoll, dass sie zu Hause ihre Muttersprache sprechen. Entscheidend ist die Qualität der Sprache. Deutsch kann und soll das Kind alltagsintegriert in der Kita oder Spielgruppe lernen. Je besser ein Kind die erste Sprache spricht, desto leichter fällt der Erwerb einer zweiten.
Damit haben Kitas und Kindergärten eine Verantwortung.
Gerade im frühen Kindesalter ist die Qualität der Angebote entscheidend. Fachpersonen können die Sprache im Alltag und spielerisch fördern. Gleichzeitig ist es wichtig, dass alle Familien Zugang zu Angeboten haben, die sie unterstützen. Hier tragen Gemeinden und Kantone eine grosse Verantwortung.
In der Schweiz kommen Kinder mit Hochdeutsch und Schweizerdeutsch in Kontakt. Ist das nicht eine zusätzliche Herausforderung?
Nein. Wenn ein Kind Schweizerdeutsch gut versteht, findet es in der Regel auch den Zugang zum Hochdeutsch – und umgekehrt gilt dies ebenso. Entscheidend sind genügend Berührungspunkte mit beiden Sprachformen, etwa durch Bücher, Vorlesen oder den Kontakt mit anderen Kindern. Der Wechsel zwischen Hochdeutsch und Schweizerdeutsch geschieht dabei automatisch.
Viele Eltern setzen sich selbst unter Druck, ihr Kind möglichst «richtig» sprachlich zu fördern. Was möchten Sie diesen Eltern mitgeben?
Perfekt muss es nicht sein. Sprachförderung entsteht nicht durch permanente Aufmerksamkeit oder feste Programme, sondern durch einzelne Momente mit hoher Qualität. Entscheidend ist, dass Eltern ihrem Kind im Alltag zuhören, auf seine Interessen eingehen und viel mit Kindern sprechen.
Manche Eltern befürchten, dass Mehrsprachigkeit zu Sprachverzögerungen führen kann.
Studien zeigen klar, dass Mehrsprachigkeit nicht zu Sprachverzögerungen führt. Die Entwicklung verläuft grundsätzlich gleich. Wichtig ist aber, genau hinzuschauen. Wenn ein Kind mit drei Jahren kaum spricht, sollte unabhängig von der Sprachsituation eine Fachperson beigezogen werden.
Es gibt heute viele digitale Lernmittel. Wie sollten diese im frühen Kindesalter eingesetzt werden?
Das hängt stark vom jeweiligen Lernmittel ab. Wenn Eltern digitale Angebote gemeinsam mit dem Kind nutzen – etwa beim Anschauen von Bildern –, kann das sinnvoll sein. Wird ein Kind jedoch allein vor ein Tablet gesetzt, bringt das wenig. Sprache entsteht im Dialog und in der Beziehung, nicht durch reinen Konsum.
Im öffentlichen Diskurs wird Mehrsprachigkeit oft problematisiert.
Im Kopf eines Kindes hat mehr als eine Sprache Platz. Kinder können mehrere Sprachen parallel erwerben. Es gibt nicht nur einen «Sprachplatz». Da ist Raum für die Sprache der Mutter, des Vaters und auch für Deutsch aus der Kita oder Spielgruppe. Sprachen müssen nicht nacheinander aufgebaut werden, sie können gleichzeitig wachsen. Ich will festhalten, dass Mehrsprachigkeit ein Geschenk ist – vor allem für die persönliche Entwicklung, für das Lernen und für den späteren Lebensweg.
Was ist Ihnen persönlich die wichtigste Botschaft an Eltern?
Nehmen Sie sich Zeit. Kinder sind Sprachdetektive. Sie hören genau hin, reagieren auf Emotionen und lernen Sprache im Dialog. Blickkontakt, echtes Interesse und viel mit Kindern sprechen, schon beim Säugling – das ist Sprachförderung.


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