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Mit Freiwilligenarbeit die eigene Batterie auffüllen

Erstellt von Interview: Toni Spitale | |   Unsere Zeitung

Peter Baldini engagierte sich als Cevi-Leiter schon früh im Bereich der Freiwilligenarbeit. An der Hochschule Luzern studierte er soziale Arbeit. Seine Bachelorarbeit schrieb er dann zum Thema «Freizeitorganisationen in der Deutschschweiz und Förderung von Nachwuchs». Seit dem Frühjahr 2025 ist er als Sozialdiakon bei der Reformierten Kirchgemeinde Volketswil tätig, wo er unter anderem auch für die Freiwilligenkoordination zuständig ist. Zum Auftakt der Serie «Das sind wir – Freiwillige» gibt er im nachfolgenden Interview einen vertieften Einblick ins Thema.

Was ist Freiwilligenarbeit?
Freiwillig ist, wenn man sich zum Wohl und unentgeltlich zugunsten von anderen engagiert. Es gilt dabei, zwischen formeller und informeller Freiwilligenarbeit zu unterscheiden. Formell ist alles, was in Vereinen, Institutionen, Kirchen etc. organisiert passiert. Das ist der Bereich, der in der Schweiz sehr stark verankert ist. Unter informelle Freiwilligenarbeit fällt zum Beispiel die Nachbarschaftshilfe oder die Betreuung von Angehörigen. Man könnte es auch als unbezahlte Arbeit bezeichnen, die man direkt für jemanden verrichtet. Interessant ist, dass sich gemäss Freiwilligen-Monitor Schweiz 86 Prozent der Bevölkerung auf irgendeine Art und Weise freiwillig engagiert, davon 41 Prozent im formellen Bereich.

Welche Bedeutung hat die Freiwilligenarbeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Aus fachlicher Sicht ist die Freiwilligenarbeit ein wichtiges Element für den Zusammenhalt der Gesellschaft Wenn alles bezahlt werden müsste, was geleistet wird, wäre dies wirtschaftlich gesehen eigentlich unbezifferbar. Für den Einzelnen bedeutet das Engagement mehr soziale Kontakte, mehr Vertrauen und mehr Verbundenheit mit der Gesellschaft. Die Freiwilligenarbeit baut auch Brücken zwischen Generationen, Kulturen und sozialen Schichten.

Sie haben zum Thema Freiwilligenarbeit Ihren Bachelor geschrieben – welche Schlüsse haben Sie daraus ziehen können?
Der Hauptteil meiner Arbeit fokussierte sich auf soziokulturelle Animation und formelle Freiwilligen­arbeit. Drei Sachen haben sich herauskristallisiert: Erstens, dass Engagements heutzutage kurzfristiger und projektorientierter werden. Jedes dritte Engagement ist zeitlich beschränkt. Zweitens, dass Wertschätzung keine Kür, sondern Pflicht ist. Wer sich nicht gesehen fühlt, der bleibt auch nicht. Wir spenden einen Teil unserer wertvollen Zeit, und wenn das entsprechend wertgeschätzt wird, bereitet einem das Engagement auch Freude. Und drittens ist, dass sich eine professionell begleitete Soziokultur positiv auf die Nachwuchsförderung auswirkt. Zusätzlich erkenne ich bei meiner täglichen Arbeit einen weiteren positiven Effekt: Wer sich freiwillig engagiert, findet mit der Zeit auch den Raum, persönliche Themen wie zum Beispiel Suchterkrankungen in der Familie anzusprechen. Professionell begleitete Freiwilligenarbeit schafft so ein Umfeld, in dem sich Menschen getrauen, etwas Persönliches anzusprechen.
 


«Wegen deszunehmenden Drucks am Arbeitsplatz fehlen vielen die Energie und die Zeit für eine freiwillige Tätigkeit.»

Peter Baldini, Sozialdiakon



Welche Veränderungen haben Sie in den letzten Jahren beobachtet?
Die langfristige Vereinsmitarbeit wird seltener, dafür ist eine Zunahme bei der kurzfristigen Projektarbeit festzustellen. Weiter sind die Erwartungen der Freiwilligen gestiegen. Die Tätigkeiten werden vermehrt nach deren Sinn hinterfragt. Gefordert werden auch eine gute Begleitung und echte Anerkennung.

Wie beeinflussen Wirtschafts-lage und Krisen die Bereitschaft für Freiwilligenarbeit?
Krisen lösen oftmals eine erste Solidaritätswelle aus. Es gibt eine Dynamik in der Gesellschaft, ganz nach dem Motto: «Jetzt müssen wir etwas machen.» Das hatte man auch während der Anfangszeit der Pandemie gemerkt oder im ersten Jahr des ­Ukrainekriegs. Es flacht dann auch schnell wieder ab oder mündet in zeitlich befristeten und projektorientierten Engagements. Wegen des zunehmenden Drucks am Arbeitsplatz fehlen vielen die Zeit und die Energie für eine freiwillige Tätigkeit. Andere Themen wie zum Beispiel die eigene Kinderbetreuung oder der Selbsterhalt werden priorisiert. Wenn es uns wirtschaftlich gut geht, geben die Leute gerne etwas her und sind spendenfreudiger als in wirtschaftlich schlechteren Zeiten. Studien zeigen, dass Länder mit einem starken Sozialstaat tendenziell ein höheres Engagement aufweisen, da soziale Sicherheit auch Kapazität für Solidarität  schafft.

Wie schwierig ist es, neue Freiwillige zu finden?
Die besten Erfolgschancen versprechen persönliche Kontakte. Ich spreche Herrn oder Frau Müller direkt an, weil ich zum Beispiel noch freiwillige Fahrerinnen und Fahrer für die Weihnachtsfeier suche. Spannend ist, dass das Potenzial eigentlich vorhanden ist, da sich 40 Prozent der Nichtengagierten ein Engagement vorstellen können, wenn man sie denn auch anspricht. Hier stellt sich aber auch die Frage nach dem sogenannten Matching. Passt dann diese Person auch für die Aufgabe, für die ich sie vorgesehen habe?

Welche Unterstützung können Politik und Organisationen bieten?
Es gibt verschiedene Ebenen. Das eine ist die Anerkennung der Freiwilligenarbeit als Weiterbildung. Die Arbeit hat auch einen Bildungscharakter, weil man mit Leuten unterwegs und mit Leuten in Kontakt ist. Das andere ist, dass man dafür auch Praxisnachweis im Lebenslauf erhält. Das Ziel muss sein, dass die Arbeit, die man geleistet hat, auch irgendwo fassbar gemacht wird. Wir von der Kirche stellen auf Anfrage solche Nachweise aus, in denen wir unter anderem geleistete Stunden und Kompetenzen festhalten. Ein weiterer Teil ist die Bereitstellung von Infrastruktur, damit Angebote von Freiwilligen – wie ein Begegnungscafé – erst möglich werden. Durch das Vermitteln von Räumen und das Bereitstellen von weiteren Ressourcen wie einer professionellen Begleitung können wir als Kirchgemeinde den sinnstiftenden Gedanken von Freiwilligenarbeit weitergeben und unterstützen.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien in der Freiwilligenarbeit?
Das Internet ist ein Türöffner, der in die reale Welt führt. Ich sehe ein ­Inserat und melde mich, weil ich ­etwas über ein Projekt oder eine ­Organisation gelesen habe, für ein Engagement. Für die Sichtbarmachung von Freiwilligenarbeit sind ­Social ­Media sicher ein wichtiges Medium.

Was ist im Zusammenhang mit Freiwilligenarbeit tabu?
Der wichtigste Punkt ist der, Freiwillige nicht  einfach als günstige Arbeitskräfte zu sehen. Das wäre der falsche Ansatz und das falsche Verständnis von Freiwilligenarbeit. Die Leute haben oftmals einen Bildungsweg hinter sich, sie bringen eigene Erfahrungen und Ansichten mit ein, und ihre Arbeit muss demzufolge  gebührend wertgeschätzt werden.  Ein weiteres Tabu ist das Überschreiten von Grenzen, wenn es um Tätigkeiten geht, die Freiwillige nicht oder nicht mehr leisten können. Überforderung und fehlende zeit­liche Ressourcen können zum Beispiel die Gründe dafür sein.

Welche Grenzen sollten Freiwillige setzen, um sich selbst zu schützen?
Nein zu sagen und eigene Grenzen zu setzen, ist unabdingbar. Es gilt auch, mit Unterstützung einer professionellen Begleitung herauszufinden, welches Engagement für ­einen am besten passt. Dazu gehört auch, dass man seine Rolle und die Zuständigkeiten von Anfang an genau klärt, um Missverständnisse zu  vermeiden. Schlussendlich soll Freiwilligenarbeit einem Energie geben und ­einen nicht Energie kosten. Sie soll ­einem die eigene Batterie auffüllen, man soll sich gut dabei fühlen und die Arbeit soll man gerne machen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Freiwilligenarbeit?
Die Beteiligung in der Schweiz ist recht stabil. Was sich verändern wird, ist die Form. Der Trend zu kürzeren Einsätzen wird sich verstärken. Ein grosse Chance sehe ich noch bei jenen 40 Prozent schlummern, die bereit wären, sich zu en­gagieren. Wenn es gelingt, sie mit Angeboten abzuholen, die ihren ­Fähigkeiten entsprechen und die ­ihnen Spass bereiten, wäre dies ein grosser Mehrwert für sie selber, für die Freiwilligenarbeit im Allgemeinen und letztendlich für unser Gesellschaftsleben.
 


Internationales Jahr der Freiwilligen

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2026 zum Internationalen Jahr der Freiwilligen ausgerufen. Weltweit rückt damit ins Zentrum, was Freiwillige Tag für Tag leisten, auch in Volketswil. In loser Folge stellen die «Volketswiler Nachrichten» in der Rubrik «Das sind wir » Einwohnerinnen und Einwohner vor, die sich für ­Umwelt, Kultur und Gesellschaft einsetzen. Den Auftakt setzt in der heutigen Ausgabe Luana Aregger von der Pfadi. Wer sich angesprochen fühlt und gerne mit einem Porträt in den «Volkets­wiler Nachrichten» erscheinen möchte, meldet sich am besten per E-Mail unter redaktion@­volketswilernachrichten.ch.

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