Anmelden | Registrieren

Mit Wölfen heulen – oder wie Giraffen sprechen

Erstellt von Andreas Bertram-Weiss, reformierte Pfarrer | |   Unsere Zeitung

Die Taube gurrt, das Eichhörnchen fiept und keckert, die Katze schnurrt und miaut. Und wie sprechen Giraffen? Diese anmutigen Wesen wirken friedlich und elegant, sie haben ein grosses Herz und leben meist in Gruppen. Wir Menschen können wie Giraffen einander zugleich zugewandt und verständnisvoll sein, aber auch wie Wölfe heulen und beissende Gemeinheiten begehen.

Inmitten von Gewalt und Hass in Detroit (USA) wuchs Marshall Rosenberg (1934–2015) auf. Als Psychotherapeut entwickelte er vor 60 Jahren ein Konzept zur Konfliktbearbeitung an dortigen Schulen. Dies half, Vorurteile und Feindbilder zwischen Weiss und Schwarz abzubauen und zu überwinden. Er nannte es «Gewaltlose Kommunikation», später auch «Giraffensprache». Dabei tritt jemand mit sich selbst und seinem Gegenüber in Kontakt. Zu Beginn formuliere ich eine neutrale Beobachtung. Etwas zu sagen, wie eine Kamera etwas aufnimmt, das sind wir kaum gewohnt. Meist neigen wir dazu, etwas zu bewerten und sagen: «Der dumme Siech macht das immer verkehrt!», oder nicht ganz so krass.«Zu beobachten, ohne zu urteilen, ist die höchste Form der Intelligenz», meinte der indische Philosoph Krishnamurti. Es bedeutet nicht nur, neutral etwas zu beobachten, sondern auch eine Wertung des anderen, neu zu verstehen: «Schon wieder zu spät!», klingt dann sachlich so: «Ja, stimmt, ich bin drei Minuten später, als wir vereinbart hatten.» Als zweites Element ist bedeutsam, dass das Gefühl wahrgenommen (und ausgesprochen) wird, zum Beispiel.: «Das bedauere ich.» Oder empathisch: «Und du bist enttäuscht, weil dir Verlässlichkeit wichtig ist …?» Gefühle sind Signale, die wie Warnlampen in einem Auto aufleuchten. Sie zeigen an, ob Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht. Wenn das eigene Bedürfnis und das des anderen deutlich wird, kann ein tieferes Verständnis füreinander entstehen, weil dies Menschen verbindet. «Ich bin vielleicht genervt, weil ich in der Warteschleife hing. Ich möchte die Zeit gut nutzen und doch Klarheit haben, was mit dem Befund ist.» Fast wichtiger als Worte ist der Prozess, sich darüber bewusst zu werden. Unsere Bedürfnisse stellen meist die Motivation für unser Handeln dar. Und wenn wir uns darüber im Klaren sind, dann können wir unsere Handlungsmöglichkeiten erweitern. Dazu gehört schliesslich auch, dass wir um eine Rückmeldung fragen oder andere bitten, sie mögen dazu beitragen, dass unser Bedürfnis erfüllt werde. Ob das Gegenüber darauf eingeht, oder jemand anderes dies tut, bleibt seine und ihre Freiheit. «Was siehst du den Splitter im Auge der anderen und nimmst nicht wahr den Balken in deinem eigenen Auge?», fragt Jesus in der Bergpredigt. Ähnlich zeigt gelingende Kommunikation nicht mit dem Finger auf andere («Weil der so schaut, darum bin ich wütend!»). Statt anderen die Schuld zu geben, ist es entscheidend, Verantwortung wirklich für sich selbst und seine Gefühle zu übernehmen. Rosenberg gestaltete mit dieser Haltung als Mediator zwischen verfeindeten Gruppen Prozesse der Annäherung. Als Ausweg aus der Gewaltspirale wurden so Kontakte und Gespräche in Konfliktgebieten möglich. Ein guter Anfang wäre es, wenn Medien und Menschen sachlich berichten, statt Meinungen und (Vor-)Urteile zu verbreiten. Ein Wort von Rumi (islamischer Mystiker im 13. Jahrhundert) verdeutlicht dies: «Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns.»

Andreas Bertram-Weiss, reformierter Pfarrer

Zurück
Die Kommentarfunktion steht nur registrierten und angemeldeten Nutzern zur Verfügung. Zum Login.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!