Anmelden | Registrieren

Parteilose prägen die kommunalen Wahlen

Erstellt von Tobias Stepinski | |   Unsere Zeitung

Fast jede zweite Person in einer Gemeindeexekutive gehört heute keiner Partei an. Der Trend prägt auch die diesjährigen kommunalen Wahlen. Was bedeutet das für die Politik auf lokaler Ebene? Ein Experte ordnet ein.

2026 ist wieder Wahljahr im Kanton Zürich. Ein Blick auf die Kandidierendenlisten für die Exekutivwahlen zeigt: Hinter zahlreichen Namen steht keine Partei in Klammern, sondern das Wort «parteilos». Dieses Bild ist kein Einzelfall einzelner Gemeinden, sondern ein kantonsweites Phänomen. In Volketswil kandidieren fünf von elf Personen parteilos, in Wallisellen vier von neun Kandidierenden – in beiden Fällen rund 45 Prozent. Anders präsentiert sich die Situation in den Städten Kloten und Opfikon: Dort treten für den Stadtrat keine parteilosen Kandidierenden an, die Listen sind klar parteipolitisch geprägt. Schweizweit betrachtet sind Kloten und Opfikon damit eher Ausnahmen.

«Früher waren die Gemeindeexekutiven deutlich stärker von den etablierten Parteien geprägt», sagt der Politikwissenschafter Stefan Kalberer vom Zentrum für Demokratie Aarau. Dass sich dieses Bild verändert hat, lässt sich auch mit Zahlen belegen. Laut dem nationalen Gemeindemonitoring 2024 von ZHAW und Universität Lausanne gehören heute rund 48 Prozent der Exekutivmitglieder in Schweizer Gemeinden keiner Partei an.

Allermeisten sind Parteilose

Diese Entwicklung ist nicht sprunghaft, sondern verläuft kontinuierlich. Der Anteil parteiunabhängiger Exekutivmitglieder ist über Jahre hinweg leicht, aber stetig gestiegen. Parteilose stellen damit heute die grösste Gruppe in den Gemeindeexekutiven – deutlich vor den einzelnen Parteien. Unter den parteigebundenen Mitgliedern weist die FDP mit rund 16 Prozent den höchsten Anteil auf, gefolgt von der Mitte mit 12 Prozent. Die SVP kommt auf 9 Prozent, die SP auf 7 Prozent.

Für Kalberer ist diese Entwicklung kein kurzfristiges Phänomen. Entscheidend sei weniger eine bewusste Abwendung von Parteien als vielmehr eine schrittweise Verschiebung lokaler politischer Strukturen. Ein zentraler Grund für die Zunahme parteiloser Kandidierender liege im Mangel an Kandidierenden. In vielen Gemeinden gebe es schlicht zu wenige Personen, die für ein Amt kandidieren wollten. Hätten Parteien genügend Mitglieder, um alle Sitze zu besetzen, wären die Wahlchancen parteiloser Personen deutlich geringer. Von Schuld zu sprechen, sei jedoch zu einfach. Klar sei aber, dass es vielen Lokalparteien nicht gelungen sei, ihre Mitgliederbasis zu erneuern und zu stabilisieren – eine gesellschaftliche Herausforderung.

Je kleiner, desto mehr

Besonders deutlich zeigt sich der Trend in kleineren Gemeinden. In Birmensdorf kandidieren vier von sieben Personen für die Exekutive ohne Parteibindung, in Embrach vier von acht Kandidierenden. In Schlatt, einer der kleinsten Gemeinden des Kantons Zürich mit weniger als 800 Einwohnerinnen und Einwohnern, sind sämtliche sieben Kandidierenden parteilos. «Je kleiner eine Gemeinde ist, desto wichtiger sind parteilose Kandidierende», sagt Kalberer. Persönliche Bekanntheit und Vertrauen spielten dort eine zentrale Rolle, parteipolitische Etiketten verlören an Bedeutung.

Parteilose haben ein Profil

Immer wieder äussern Wählerinnen und Wähler die Sorge, parteilose Kandidierende liessen sich politisch schwieriger einordnen. Kalberer kann diese Wahrnehmung nachvollziehen, warnt jedoch vor Pauschalisierungen. Parteilose hätten durchaus ein politisches Profil und klare Werte. Ohne Parteizugehörigkeit sei es für die Wählerschaft jedoch anspruchsvoller einzuschätzen, wofür eine Person stehe – insbesondere dann, wenn man sie nicht persönlich kenne.

Welche parteilosen Kandidierenden haben bessere Wahlchancen? Laut Kalberer vor allem jene, die politisch nicht an den Rändern stehen. Personen, die in der Mitte der Gesellschaft verortet würden und denen man zutraue, Brücken zu bauen und unterschiedliche Positionen zusammenzuführen, hätten bessere Chancen. Stark ideologisch oder polarisierend auftretende Kandidierende hätten es auf kommunaler Ebene deutlich schwerer.

Netzwerkbildung erschwert

Unabhängigkeit wird oft als Vorteil parteiloser Kandidierender wahrgenommen. Im politischen Alltag bringe sie jedoch nicht nur Vorteile mit sich. Parteimitgliedern stünden häufig Netzwerke zur Verfügung, die den Austausch mit kantonalen Behörden erleichterten. Ohne Partei im Rücken sei der Aufbau solcher Kontakte anspruchsvoller und stärker von individuellen Beziehungen abhängig.

Gleichzeitig relativiert Kalberer die Bedeutung der Parteizugehörigkeit für die tägliche Arbeit in der kommunalen Exekutive. Gemeindepolitik sei oft weniger ideologisch und stärker sachorientiert. «Auf kommunaler Ebene sind eher Persönlichkeit und Charakter entscheidend», sagt er.

Zurück
Die Kommentarfunktion steht nur registrierten und angemeldeten Nutzern zur Verfügung. Zum Login.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!