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Sechs Notfälle an einem Abend

Erstellt von Tobias Stepinski | |   Unsere Zeitung

Was tut man, wenn jemand von einer Schlange gebissen wird? Vier Samaritervereine üben im Sportzentrum Gries an sechs Posten den Ernstfall – mittendrin Pidi Rutschi mit 40 Jahren Erfahrung und Lukas Soltermann mit zwei. Zudem erklärt Präsident Beat Keller die 3 Checks, die jeder kennen sollte.

Ein Mann sitzt vor einer farbigen Werbebande am Rand des Sportplatzes und schaut auf seinen Unterschenkel, auf dem eine Bisswunde ist. Hinter ihm im Gras liegt eine schwarze Schlange. Vier Samariter stehen um ihn herum.

Zwei nehmen ihn unter den Armen und tragen ihn aus der Gefahrenzone. Einer spannt einen Regenschirm über ihn. Jemand fragt nach den Schmerzen und gibt ihm zu trinken, ein anderer wählt den Notruf. Muss die Polizei kommen, die 117? Soll man Tox Info Suisse anrufen, die 145? Dann ruft Marcel Kuster: «Stopp!» Der Präsident des Samaritervereins Dübendorf beendet die Szene: natürlich kein echter Biss. Die Schlange ist aus Plastik, die Bisswunde geschminkt, der Mann ein Figurant.


Jemand bricht vor dir zusammen. Was jetzt? Beat Keller vom Samariterverein Volketswil erklärt die 3 Checks, die jeder kennen sollte. Jetzt im Video.


 

Auf keinen Fall aussaugen

Es ist die jährliche Gemeinschaftsübung der Samaritervereine Volketswil, Wallisellen, Dietlikon und Dübendorf, an sechs Posten wird der Ernstfall trainiert. Eine Viertelstunde pro Posten, danach die Besprechung.

Kuster geht die Szene durch. Überblick verschaffen, Gefahren erkennen, den Verletzten aus der Gefahrenzone tragen, 144 alarmieren: richtig gemacht. Abdecken und bei ihm bleiben ebenfalls. Viel mehr könne man in einer solchen Lage ohnehin nicht tun. Wichtig sei einzig, das Bein mit der Bisswunde ruhigzustellen und möglichst wenig zu bewegen, damit das Gift nicht schneller in den Blutkreislauf gelangt. Jemand fragt nach dem Aussaugen. «Bitte nicht. Das hat man früher gesagt», erwidert Kuster. Wer mit dem Mund sauge, nehme das Gift selber auf.

«Eine Art Helfersyndrom»

Auf dem Weg zum nächsten Posten wird gescherzt. Das gehöre dazu, meint einer der Samariter. Pidi Rutschi kennt das seit über 40 Jahren; die Vereine in Fällanden, Schwerzenbach und Greifensee, in denen er vorher war, gibt es nicht mehr. Die freiwillige Arbeit mache ihm Spass, sagt er. «Das ist so eine Art Helfersyndrom, das man ausleben kann.»

Dann steht da plötzlich ein weisses Auto in der Mauer des Clubhauses. Eine junge Frau ist beim Parkieren hineingefahren, sie klagt über Schwindel und Nackenschmerzen. Kurz nach dem Aufprall stinkt es nach schmelzendem Kunststoff, und damit fällt die Regel, den ansprechbaren Patienten im Auto zu lassen. Die Gruppe holt die Frau vorsichtig heraus. Einer stützt ihren Kopf, jemand spricht mit ihr, ein Dritter wählt den Notruf, eine Vierte weist die Fahrzeuge ein.

Postenleiter Jens-Uwe Kretschmer, Präsident des Samaritervereins Dietlikon, wertet aus. Dass niemand auf sichtbaren Rauch gewartet hat, war richtig. «Du musst noch gar keinen Rauch sehen. Es kann anfangen zu riechen, vor allem wenn Plastik warm wird und zu schmelzen beginnt.» Welche Gase dabei entstehen, könne niemand genau sagen.

Was Kretschmer den Fortgeschrittenen erklärt, gilt im Grundsatz für alle: «Jede Notfallsituation ist auf den ersten Blick chaotisch. Dann ist es wichtig, dass man versucht, sich möglichst einen Überblick zu verschaffen, und erkennt, ob es irgendwelche Gefahren gibt für die Helfer. Und dann geht es zur Beurteilung des Patienten: Gibt er noch Antwort? Ist er bewusstlos, oder ist sogar seine Atmung nicht mehr vorhanden?», sagt Beat Keller, Präsident des Samaritervereins Volketswil.

Demenz, Alkohol, Schlaganfall?

Nicht immer ist die Lage so klar. Zwischen Spielplatz und Teich steht ein älterer Mann mit Schiebermütze und Spazierstock. Er weiss nicht, wo er ist, nicht, wie er hergekommen ist, und erzählt Dinge, die nicht zusammenpassen. Demenz? Alkohol? Ein Schlaganfall? Ein Samariter notiert die Uhrzeit, sie ist für die Sanität später wichtig. Lukas Soltermann vom Samariterverein Wallisellen hat eine Blitzidee: Er sucht auf Google Maps das nächstgelegene Pflegezentrum und ruft dort an. Pidi Rutschi fragt den Mann, ob er etwas essen oder trinken möchte, und versucht den sichtlich Verwirrten abzulenken und vom Teich wegzuhalten. Es dauert, bis der Mann sich beruhigt.

Es ist dunkel geworden, der letzte Posten liegt hinter der Gruppe. Was bringt so ein Abend? Soltermann vom Samariterverein Wallisellen kann es beantworten, er kam erst vor zwei Jahren dazu; beruflich hat er mit Medizin nichts zu tun. «Weil du es regelmässig übst, kennst du es dann. Dann bin ich im richtigen Leben an einen Unfall gekommen, habe genau die Szene gesehen, die ich geübt hatte, und konnte eins zu eins anwenden.» Danach gibt es Pizza, man sitzt noch lange zusammen. Auch das macht den Verein aus. Präsident Keller: «Jeder kann Erste Hilfe leisten. Und jeder ist willkommen, mal vorbeizuschauen.»

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