Anmelden | Registrieren

Sterben dürfen - aber nicht sterben müssen

Erstellt von Roland Portmann, reformierter Pfarrer | |   Unsere Zeitung

«Ich möchte nicht mehr.» Dieser Satz kann vieles bedeuten: Ich habe Schmerzen. Ich bin erschöpft. Ich habe Angst. Ich bin einsam. Oder: Ich möchte sterben. Gerade deshalb verdient der Wunsch nach einem assistierten Suizid Respekt – aber auch Aufmerksamkeit.

Die Schweiz hat sich für einen liberalen Umgang mit dem Lebensende entschieden. Erwachsene Menschen sollen über ihr Leben und unter klaren Voraussetzungen auch über dessen Ende mitentscheiden können. Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Aber sie ist nicht dasselbe wie Gleichgültigkeit. Die entscheidende Frage lautet: Wie frei ist eine Entscheidung tatsächlich? Ein alter Mensch, der sterben möchte, kann dies aus tiefer Überzeugung tun. Er kann sich aber auch als Belastung für Angehörige empfinden. Vielleicht fehlt Unterstützung, Pflege oder menschliche Nähe. Vielleicht entsteht der Eindruck, das eigene Leben verursache nur noch Kosten. Dann wird aus einer persönlichen Entscheidung eine gesellschaftliche Frage. Niemand sollte sterben wollen müssen, weil er sich für andere zu teuer, zu anstrengend oder zu nutzlos hält. Eine liberale Gesellschaft muss deshalb einen Mittelweg finden: die Selbstbestimmung respektieren und zugleich die Bedingungen dieser Freiheit kritisch prüfen. Geht es wirklich um den Wunsch zu sterben – oder um den Wunsch, nicht mehr so leben zu müssen? Gibt es unerträgliche Schmerzen, Einsamkeit, Depression oder Angst? Fehlt es an Pflege oder Unterstützung? Solche Fragen sind keine Bevormundung. Sie sind Ausdruck von Respekt. Eine humane Gesellschaft muss deshalb nicht nur selbstbestimmtes Sterben ermöglichen, sondern auch selbstbestimmtes Weiterleben. Dazu gehören gute Palliativversorgung, verlässliche Pflege, Unterstützung für Angehörige und Angebote gegen Einsamkeit. Wer diese Alternativen nicht bereitstellt, darf sich über die wachsende Bedeutung des assistierten Suizids nicht wundern. Auch die christliche Tradition erinnert daran: Der Wert eines Menschen hängt nicht von Gesundheit, Leistungsfähigkeit oder Unabhängigkeit ab. Wer Hilfe braucht, verliert dadurch nicht seine Würde. Unsere Gesellschaft spricht viel über Selbstbestimmung, aber wenig über Abhängigkeit. Dabei gehört beides zum menschlichen Leben. Niemand lebt vollkommen unabhängig. Deshalb sollte eine liberale Haltung zum Lebensende nicht lauten: «Es ist dein Leben, also entscheide allein.» Sondern: «Es ist dein Leben. Wir nehmen deine Entscheidung ernst – und wir lassen dich damit nicht allein.» Auch die Kirche kann dazu beitragen: nicht durch moralische Verurteilung, sondern als Ort, an dem Zweifel, Angst und Sterbewünsche ausgesprochen werden können. Vielleicht ist das die menschlichste Haltung: weder den Tod zu romantisieren noch ihn zu tabuisieren. Sterben dürfen – aber nicht sterben müssen. Denn es geht nicht nur darum, wie wir sterben dürfen. Es geht darum, wie wir miteinander umgehen, wenn Menschen alt, krank und abhängig werden. Eine Gesellschaft zeigt ihre Menschlichkeit daran, ob auch der Schwache das Gefühl behalten darf: Mein Leben ist noch etwas wert. 

Pfarrer Roland Portmann

Zurück
Die Kommentarfunktion steht nur registrierten und angemeldeten Nutzern zur Verfügung. Zum Login.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!