Ich möchte kein Spielverderber sein – ich liebe die Schweiz und bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich hier geboren wurde (beigetragen habe ich zwar nichts dafür) –, aber dennoch muss ich da ein paar Fragezeichen machen. Seit wann gibt es die Schweiz, wie wir sie heute kennen? Und war sie immer «great»? Wir alle haben es im Geschichtsunterricht gelernt (falls wir nicht geschlafen oder aus dem Fenster geschaut haben): 1291 waren nur drei Orte dabei, Uri, Schwyz und Unterwalden. Great war das in keiner Weise. Weder flächenmässig noch ruhmreich. Denn einer der Umstände, wieso es zur Schlacht am Morgarten 1315 kam, war ein Streit zwischen den Schwyzern und dem Kloster Einsiedeln, welches von den Habsburgern beschützt wurde. Und ja, es dauerte lange, sehr lange, bis aus den paar Landschaften und kleinen Städten DIE Schweiz, wie wir sie heute kennen, entstand: am Vertrag in Stans 1481 (Stanser Verkommnis) bestand die Eidgenossenschaft aus 8 Orten, 1789, zur Zeit der Französischen Revolution, waren es 13 «Alte Orte» (13 Kantone), die ein lockeres Bündnis verband, und erst 1848 entstand die Schweiz als moderner, demokratischer Bundesstaat. Also: «SWITZERLAND GREAT SINCE 1848». Doch was macht nun diese «Greatness» der Schweiz aus? Was macht unser Land so grossartig? Die Fläche? Russland, das grösste Land der Welt, ist rund 414‑mal grösser als die Schweiz. Oder ist es unsere starke Armee mit F‑35A, die vielleicht einmal eventuell in nicht allzu ferner Zukunft eventuell vielleicht einmal geliefert werden? Oder die ETH oder die UBS, noch S? Wohl kaum. Ich denke an etwas anderes – besser gesagt an jemand anderen. Blenden wir zurück: 1481, es ist schon bald Weihnachten in jenem Jahr. Die Eidgenossen versammeln sich in Stans zur Tagsatzung. Die Städteorte (Zürich, Bern, Luzern) können sich mit den Länderorten (Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Glarus) nicht einigen. Ohne genauer ins Details zu gehen: Um den Streit zu schlichten, geht der Pfarrer von Stans, Heimo Amgrund, zu seinem Freund, Bruder Klaus, in den Ranft, um ihn um Rat zu fragen. Diese Vermittlertätigkeit des Einsiedlers bewahrte die Eidgenossenschaft vor hausgemachtem Unbill. Wir wissen heute nicht, was er genau gesagt hat. Eines ist gewiss: Seine Intervention liess die Parteien einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen finden. Unsere Vorfahren fanden eine gütliche Einigung aufgrund von Gesprächen, Verhandlungen und Kompromissen. Ich weiss, das Verb «Kompromiss» hat einen schlechten Ruf. Aber das Wort und seine Bedeutung haben einen viel schlechteren Ruf, als sie es verdient haben. Das Abwägen von Argumenten, das Hören auf die Meinungen der Gesprächspartner, das friedliche Miteinander können neue Wege, eine positive Zukunft eröffnen. Dafür steht der Mann im Waldtobel Ranft, der Familie und Welt verliess, um ausschliesslich Gott zu dienen. Könnte diese Art des Lebens und des Verhandelns, die Suche und das Finden von Kompromissen etwas sein, das die «Greatness» der Schweiz auszeichnet?
Tarzisius Pfiffner, katholischer Seelsorger


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