Vier Jahre ist es her, seit ein Chatbot die Welt auf den Kopf gestellt hat. Innerhalb von fünf Tagen nutzten über eine Million Menschen «ChatGPT» des US-Unternehmens «OpenAI», zwei Monate später waren es über hundert Millionen. Inzwischen buhlen zahlreiche weitere Anbieter um die Nutzerinnen und Nutzer: «Gemini» von Google, «Claude» von Anthropic, «Copilot» von Microsoft oder aus der Schweiz «SwissGPT» der Davoser Firma AlpineAI. Und die Bevölkerung greift zu: 80 Prozent der Internetnutzerinnen und -nutzer zwischen 15 und 75 Jahren verwenden inzwischen künstliche Intelligenz (KI), wie der Ende August veröffentlichte Digimonitor der Interessengemeinschaft elektronische Medien zeigt. Im Gemeindehaus Volketswil dagegen hat KI noch keinen festen Platz, zumindest nicht offiziell (Tipps für den Einstieg: siehe Box unten).
Wenn Verwaltungen kostenlose Accounts nutzen, können Daten direkt in die USA oder nach China abfliessen.»
Thilo Stadelmann, Professor für Artificial Intelligence and Machine Learning, ZHAW
Volketswil evaluiert noch
«Die Gemeindeverwaltung setzt aktuell noch keine KI-Programme für operative Tätigkeiten ein», sagt Gemeindeschreiber Beat Grob. Derzeit werde geprüft, welche KI-Lösungen sich für die öffentliche Verwaltung eignen und den Anforderungen an den Datenschutz entsprechen.
Geregelt ist der Umgang mit KI dennoch. Für die Mitarbeitenden gibt es eine interne Weisung. Diese halte unter anderem fest, welche KI-Anwendungen im Zusammenhang mit geschäftlichen Daten und Informationen untersagt sind, so der Gemeindeschreiber.
Auch Schulungen für die Mitarbeitenden gibt es bislang keine. Sie folgen erst, wenn ein Entscheid gefallen ist. «Sobald eine für die Gesamtverwaltung geeignete KI-Lösung gefunden ist, werden die Mitarbeitenden entsprechend geschult», sagt Grob. Ziel sei, dass sie die Werkzeuge «effizient, sicher und verantwortungsvoll» einsetzen können.
Eine mögliche Lösung bietet «egovpartner», die Koordinationsstelle für die Digitalisierung der Zürcher Gemeinden. Sie baut mit der Davoser Firma AlpineAI eine gemeinsame KI-Plattform auf. Derzeit wird diese in Obfelden, Wädenswil und Winterthur eingeführt, bis voraussichtlich Ende März sollen zehn weitere Gemeinden folgen. «Die Gemeinde Volketswil muss sich nicht an der KI-Plattform von egovpartner beteiligen», sagt Grob. Sie sei eine Option unter mehreren. Ein systematischer Einsatz von KI erfolge erst nach Abschluss der Evaluation und unter strikter Einhaltung des Datenschutzes.
Potenzial für Verwaltungen
Einer, der sich seit Jahren mit künstlicher Intelligenz beschäftigt, ist Thilo Stadelmann. Er ist Professor für Artificial Intelligence and Machine Learning an der ZHAW und leitet dort das Centre for Artificial Intelligence. Zudem ist er Vorstandsmitglied beim von ihm mitgegründeten Unternehmen AlpineAI, das unter anderem den Schweizer Chatbot «SwissGPT» entwickelt hat.
«KI ist mehr als nur ‹ChatGPT›. Aber gerade für textbasierte Aufgaben können solche Systeme eine enorme Hilfe sein», sagt Stadelmann. Ob bei der Bearbeitung von Formularen, bei Übersetzungen oder beim Auffinden alter Gemeinderatsbeschlüsse: Das Potenzial sei riesig. Auf die Frage, ob öffentliche Verwaltungen KI einsetzen sollten, sagt er: «Ja, das ist ein No-Brainer. Man muss KI nutzen, sonst wäre es ein ineffizienter Umgang mit den öffentlichen Mitteln.»
Datenschutz vor Tempo
Gleichzeitig warnt er vor Risiken. «Diese Systeme berechnen einfach Wahrscheinlichkeiten, sie können überzeugend Falsches ausgeben. Ein Fehler wäre es, die Mitarbeitenden unvorbereitet auf solche Tools loszulassen», sagt Stadelmann. Städte und Gemeinden müssten sichere Anwendungen bereitstellen und die Angestellten im Umgang damit schulen. «Alles andere wäre fahrlässig.»
Besonders kritisch sei für ihn der Datenschutz. «Wenn Verwaltungen kostenlose Accounts nutzen, können Daten direkt in die USA oder nach China abfliessen. Das wäre, als würde man sie öffentlich ins Netz stellen», sagt Stadelmann. Die Angst vor Stellenabbau teilt er nicht: «Künstliche Intelligenz ersetzt keine Verwaltungsangestellten, sondern entlastet sie bei ihrer Arbeit.»
So geht KI: Der Einstieg in fünf Schritten
1. Verstehen, wie KI funktioniert
Chatbots wurden mit riesigen Textmengen trainiert und haben gelernt, welche Wörter sinnvoll aufeinanderfolgen. Sie denken nicht selbst, sondern erkennen Muster. Wer das weiss, erkennt schneller ihre Grenzen.
2. Ein Tool wählen
Die bekanntesten sind «ChatGPT» (OpenAI), «Gemini» (Google), «Copilot» (Microsoft) und «Claude» (Anthropic). Eine Schweizer Alternative ist «Apertus».
3. Konto erstellen
Alle Tools laufen im Browser, für die Registrierung genügt eine E-Mail-Adresse. Die Gratisversion reicht für den Einstieg, ein Abo kostet rund 20 Franken pro Monat.
4. Klare Anweisungen geben
Die Anweisung an die KI heisst Prompt. Je genauer er ist, desto besser die Antwort. Statt «Plane einen Ausflug» lieber: «Plane einen Familienausflug ab Volketswil für einen Sonntag im Herbst, mit Kindern im Primarschulalter und ohne Auto. Gib mir fünf konkrete Ideen.» Passt die Antwort nicht, einfach nachfragen oder präzisieren.
5. Ergebnisse prüfen
KI macht Fehler und erfindet zuweilen Informationen, sogenannte «Halluzinationen». Die Antworten klingen trotzdem oft überzeugend. Fakten deshalb immer selbst prüfen. Und: keine persönlichen Daten wie Passwörter, Bankangaben oder Gesundheitsinformationen eingeben. (ts.)


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