Beim Einkaufen noch schnell eine Tafel Schokolade mitnehmen – sie ist ja gerade in Aktion. Dazu noch Bio-Eier und Bio-Butter in den Einkaufswagen legen. Viele achten beim Einkaufen nicht bei jedem Produkt auf den Preis.
Im Kultur- und Sportzentrum Gries in Volketswil zeigt sich an einem Mittwochmorgen eine andere Realität. Hier betreibt die Organisation «Tischlein deck dich» eine Abgabestelle. Rund 40 Personen kommen mit einer Kundenkarte vorbei. Auf der Karte steht, für wie viele Personen im Haushalt Lebensmittel bezogen werden. Insgesamt profitieren dadurch über 100 Personen von der Ausgabe.
Bevor die ersten Personen eintreffen, herrscht konzentrierte Betriebsamkeit. Zehn freiwillige Helferinnen und Helfer bereiten die Waren vor. Die Lebensmittel stammen von Grossverteilern und Lebensmittelläden – Produkte, die noch essbar sind, aber oft nicht mehr verkauft würden. Co-Leiterinnen Silvia Lienhard und Vanessa Kellenberger gehen mit dem Team die Kisten durch. «Kartoffeln haben wir heute genug, davon könnt ihr eine Handvoll geben», sagt Kellenberger und zählt die Portionen ab. Am Schluss soll jede Person ungefähr gleich viel bekommen. «Was schwierig ist, weil wir gar nicht wissen, wie viele schliesslich kommen», sagt Lienhard .
8,1 Prozent von Armut betroffen
Die Abgabestelle in Volketswil wurde 2023 ins Leben gerufen. Sie ist eine von insgesamt 168 Abgabestellen von «Tischlein deck dich» in der ganzen Schweiz. Die Arbeit scheint wichtig zu sein: Laut Bundesamt für Statistik leben in der Schweiz 8,1 Prozent der Bevölkerung in Armut, mehr als jede sechste Person gilt als armutsgefährdet. Gleichzeitig landet rund ein Drittel aller Lebensmittel im Abfall – etwa 2,8 Millionen Tonnen pro Jahr. Genau hier setzt «Tischlein deck dich» an. Seit mehr als 26 Jahren rettet die Organisation Lebensmittel vor der Vernichtung und verteilt sie an Bedürftige.
Vanessa Kellenberger ist seit Beginn in Volketswil dabei. Zum Engagement kam sie über persönliche Erfahrungen, unter anderem durch einen Freiwilligendienst in Kambodscha sowie über ihr Interesse am Thema Foodwaste. Sie habe es «verrückt» gefunden, dass noch essbare Lebensmittel weggeworfen werden. «Genau deshalb wollte ich mich engagieren», sagt sie.
«99,9 Prozent sind dankbar»
Um Punkt 9.30 Uhr stehen die Helferinnen und Helfer bereit. Die ersten Menschen treten ein. Therese Wunderlin arbeitet vorne an der «Kasse». Dort zahlen die Kundinnen und Kunden einen symbolischen Betrag: einen Franken. Voraussetzung für den Bezug ist eine Kundenkarte. Diese wird ausschliesslich von privaten oder öffentlichen Sozialfachstellen ausgestellt, nachdem die finanzielle Situation geprüft wurde.
Mit der Karte geht es danach durch die Ausgabe. Eine Helferin oder ein Helfer begleitet jeweils eine Person entlang der Tische – von Brot über Öl und Essig bis zu Gemüse, Joghurt, Süssigkeiten und Fleisch.
Wunderlin ist seit dem ersten Moment dabei. Auf das Projekt aufmerksam geworden sei sie durch einen Zeitungsartikel. «Meine Motivation ist, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben, weil es mir sehr gut geht», sagt sie. Die Begegnungen seien meist sehr herzlich. «99,9 Prozent sind dankbar.»
Denen helfen, die es brauchen
Auch Karel Fort engagiert sich freiwillig bei der Abgabestelle. Vor mehreren Jahrzehnten floh er aus Tschechien in die Schweiz und weiss aus eigener Erfahrung, wie schwierig es sein kann, in einem neuen Land Fuss zu fassen. In der Schule habe er Russisch gelernt, was ihm heute manchmal hilft, mit ukrainischen Geflüchteten zu sprechen. «Und wenn das gar nicht geht, dann verständigen wir uns mit Händen und Füssen», sagt Fort.
Am Ende der Ausgabe gibt es noch die «Glücksrunde». Wer möchte, darf ein zweites Mal vorbeikommen und mitnehmen, was noch übrig ist. So wird möglichst verhindert, dass Lebensmittel doch noch im Abfall landen. Danach räumen die Helferinnen und Helfer gemeinsam auf.
Für Vanessa Kellenberger ist genau das der Kern der Idee. «Am schönsten ist es, wenn wir am Schluss sehen, dass fast nichts übrig bleibt und wir Menschen geholfen haben, die es nötig haben.»
Weitere Informationen:www.tischlein.ch




Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!