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Wenn der Glaube zur Ideologie wird

Erstellt von Roland Portmann, reformierter Pfarrer | |   Unsere Zeitung

In Teilen der religiösen Rechten der USA lässt sich eine Entwicklung beobachten, in der christlicher Glaube zunehmend mit nationaler Identität verschmilzt. «Christlich» wird dabei weniger als geistliche Haltung verstanden, sondern viel mehr als kulturelles oder politisches Zugehörigkeitsmerkmal. Theologisch verschiebt sich damit der Schwerpunkt vom Evangelium als befreiender Botschaft hin zu einer Religion der Abgrenzung. Das steht in Spannung zum biblischen Zeugnis. Jesus verkündet kein religiöses Nationalprojekt, sondern das Reich Gottes – eine Wirklichkeit, die menschliche Macht relativiert: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt …, aber in dieser Welt …»

Der Apostel Paulus betont, dass im Glauben gesellschaftliche Grenzen ihre letzte Bedeutung verlieren: «Da sind weder Jude noch Grieche, weder Mann noch Frau …» Wo Religion dagegen zur Markierung von «Wir» und «Sie» wird, verliert sie ihren universalen Charakter. Die Kirchengeschichte kennt diese Versuchung. Immer, wenn Kirche politische Macht absicherte, geriet sie in Gefahr, das Evangelium zur Legitimation bestehender Ordnung zu machen, so auch hier in Zürich, als der Staat die Kirche mit der Reformation praktisch übernahm. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer warnte bereits im 20. Jahrhundert davor, politische Autorität religiös zu überhöhen. Kirche verliere ihre Aufgabe, wenn sie Macht nicht mehr kritisch begleitet, sondern sakralisiert. Im Zentrum des christlichen Glaubens steht nicht Stärke, sondern das Kreuz – das Zeichen göttlicher Selbsthingabe und menschlichen Versagens. Das Kreuz widerspricht jeder Vorstellung, Gott legitimiere nationale Überlegenheit oder politische Unfehlbarkeit. Ein Christentum, das vor allem Macht sichern will, entfernt sich deshalb von seiner eigenen Mitte. Viele Theologen sehen hinter dieser Entwicklung weniger bewusste Ideologie als viel mehr gesellschaftliche Verunsicherung. In Zeiten raschen Wandels bietet Religion Orientierung. Problematisch wird es jedoch, wenn religiöse Gewissheit politische Kompromissfähigkeit ersetzt und Gegner moralisch delegitimiert werden und Religion für den Kulturkampf instrumentalisiert wird: hier «unsere» christlichen Werte (welche sind das eigentlich genau?) und da die fremde «Kultur» der anderen. Bemerkenswert ist, dass der stärkste Widerspruch aus christlichen Kirchen selbst kommt. Zahlreiche Stimmen erinnern daran: Die Kirche gehört keinem Staat und keiner Nation und auch keiner Partei. Ihr Auftrag ist nicht die Verteidigung kultureller Vorherrschaft, sondern das Zeugnis des Evangeliums, das sich für Gerechtigkeit, Gleichheit, Nächsten- und Feindesliebe und vor allem für die Armen einsetzt. Die Debatte um den «Christofaschismus» ist daher letztlich eine geistliche Frage: Dient der Glaube der Macht – oder bleibt er eine Kraft, die Macht begrenzt und kritisch hinterfragt? Denn wo Glaube zur Ideologie wird, verliert er seine prophetische Freiheit und bricht mit der Botschaft vom Kreuz. 

Roland Portmann, reformierter Pfarrer

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