Ein SVP-Politiker als Sozialvorsteher ist im Kanton Zürich eher selten. Haben Sie sich das Ressort ausgesucht?
Meistens können diejenigen, die länger dabei sind, zuerst auswählen, und die Bisherigen behalten ihre Ressorts. Ich war offen für alles. Ich habe kandidiert, weil ich die Gemeinde vorwärtsbringen will. In der gemeinsamen Besprechung hat sich ergeben, dass das Sozialressort für mich vorgesehen ist. Das habe ich gerne angefangen.
Nach der Wahl war von einem Rechtsrutsch die Rede.
Das finde ich übertrieben und plakativ. Schaut man die Zusammensetzung an: Vorher sass ein SVPler im Gemeinderat, das ist immer noch so. Neu sind zwei von der FDP dabei, die GLP ist nur noch mit einem statt mit zwei Sitzen vertreten. Ob das ein Rechtsrutsch ist, kann die Bevölkerung selber beurteilen. Wir versuchen, gemeinsam die besten Lösungen zu finden, und konzentrieren uns auf Sachpolitik statt aufs Parteibüchlein. Das klappt bis jetzt gut.
Zwei Bisherige wurden nicht wiedergewählt, sehr zum Bedauern der übrigen Ratsmitglieder. Wie war die Stimmung in der ersten Sitzung?
Die Stimmung war gut, ich habe keinen Frust mehr gespürt. Wir haben gleich vorwärtsgeschaut und die Sachlage so genommen, wie sie ist. Die Enttäuschung kann ich aber gut nachvollziehen: Wenn nach vier Jahren Zusammenarbeit plötzlich zwei wegfallen, geht einem das nahe. Doch in der Politik ist nichts sicher, und am Schluss muss man den Volkswillen umsetzen und damit leben können.
Die Gemeinde rechnet mit einem Pensum von 20 bis 30 Prozent. Ist das realistisch?
Am Anfang ging es eher gegen 30 Prozent, zum Teil auch darüber. Allein das Einlesen in die Geschäfte des Gemeinderats dauert je nach Umfang ein paar Stunden. Hinzu kommen Sitzungen mit der Abteilungsleitung, der Sozialbehörde, dem Bildungsnetzwerk und weiteren Gremien, dazu Anfragen und Mails. Aber damit muss man leben. Wenn man weiss, wie alles läuft, wird man effizienter.
Was hat Sie in den ersten Monaten im Amt positiv wie auch negativ überrascht?
Um positiv überrascht zu werden, braucht es eine negative Grundhaltung, und die hatte ich nicht. Sehr gut finde ich die Zusammenarbeit, unabhängig von der Partei. Als SVPler sitze ich mit Mitte, GLP oder Parteilosen zusammen, und man merkt wenig Vorurteile. Überrascht hat mich im Sozialen, wie viel von übergeordneter Stelle vorgegeben ist. Wir als Gemeinde bringen einen Vorschlag, und dann heisst es: Das gibt der Bund vor oder der Kanton. Der Handlungsspielraum ist teilweise zu eingeschränkt.
Klingt nach einem Ruf nach mehr Föderalismus?
Ja, in gewissen Bereichen. Den Föderalismus als etwas Negatives zu sehen, finde ich ganz gefährlich. Er hat dazu geführt, dass die Schweiz ist, was sie ist: Gemeinden und Kantone haben etwas zu sagen. In Frankreich oder Deutschland wird vieles zentral von oben nach unten regiert. Bei uns kommt mit der direkten Demokratie vieles von unten nach oben. Aber bei der Wohnungsknappheit oder der Zuwanderung muss der Bund vorwärtsmachen, damit die Gemeinden die Probleme nicht ausbaden müssen.
«Mir fehlt zwar das tiefe Vorwissen, dafür habe ich keinen Tunnelblick.»
Welche Entscheide haben Sie nach 100 Tagen schon gefällt?
Grosse Entscheide wären in dieser kurzen Zeit zu sportlich gewesen. Schon jetzt eine wegweisende Entscheidung zu erwarten, finde ich unseriös. Ich will mich zuerst gut einarbeiten und keine voreiligen Entscheide treffen. Das Einarbeiten dauert noch einiges länger als 100 Tage. Wo man ansetzen könnte, sehe ich aber bereits.
Dann werden wir konkret: Wo drückt im Sozialbereich der Schuh?
Vor allem bei den steigenden Fallzahlen im Bereich der Zusatzleistungen zur AHV und IV. Darauf hat die Gemeinde allerdings kaum Einfluss. Die Entwicklung ist einerseits auf den demografischen Wandel zurückzuführen, andererseits auf die zunehmende Zahl von Menschen, die auf eine IV-Rente angewiesen sind. Auch bei der Sozialhilfe steigen die Fallzahlen, allerdings nur moderat. Was wir tun können, sind Projekte in der Früh- und Spätförderung. Wer nach der Schule keine Anschlusslösung hat, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit von der Sozialhilfe abhängig. Setzt man früh genug an, etwa zusammen mit der Schule, kommen diese Menschen gar nicht erst aufs Sozialamt. Bei der Arbeitsintegration funktioniert es gut: Im Vergleich mit anderen Gemeinden sind unsere Fallzahlen relativ tief.
Welche Projekte stehen in Ihrem Ressort an?
Die Digitalisierung bei den Zusatzleistungen. Sie soll die Arbeitsabläufe schneller und einfacher machen. Die Hoffnung ist, dass die Fälle schneller bearbeitet werden, die Mitarbeitenden zufriedener sind und auch die Bürger, weil sie schneller Antworten bekommen.
Zurück zu Ihnen: Sie kommen nicht aus dem Sozialbereich.
Das stimmt, aber ich sehe es eher als Vorteil. Mir fehlt zwar das tiefe Vorwissen, dafür habe ich keinen Tunnelblick. Wer sich immer im gleichen Bereich bewegt, riskiert diesen. Das merke ich, wenn ich der Abteilungsleitung Fragen stelle: Daraus entstehen gute Ansätze, auf die man sonst vielleicht nicht käme.
Was soll am Ende der Legislatur erreicht sein?
Im Sozialen sollen weniger Menschen von der Sozialhilfe abhängig sein. Bei der Pflegefinanzierung steigen die Kosten. Die ältere Generation hat unseren Wohlstand geschaffen, wir dürfen sie nicht im Stich lassen. Für Volketswil wünsche ich mir, dass es baulich vorwärtsgeht. Ich bin hier aufgewachsen. Nach dem Bauboom der 1990er- und 2000er-Jahre ist die Entwicklung ins Stocken geraten. Es müssen auch nicht zwingend Wolkenkratzer wie in Dübendorf sein. Im Richtplan ist dafür ein Gebiet vorgesehen, dort sollten nach vier Jahren konkrete Projekte beschlossen sein.
Sie stehen am Anfang Ihrer politischen Karriere. Wohin soll es gehen?
Einen Karriereplan habe ich nicht, ich bin offen für alles. Wenn es mich mal in den Bundesrat trifft, dann ist es so (lacht). Politik hat mich immer interessiert. Auf Gemeindeebene habe ich gesehen, wo es Handlungsbedarf gibt, und wollte etwas verändern. Darauf konzentriere ich mich jetzt in meinem Amt. Was danach kommt, wird sich zeigen.
Die Neuen im Gemeinderat
Seit 100 Tagen sind die neu gewählten Mitglieder des Volketswiler Gemeinderats im Amt. Die «Volketswiler Nachrichten» fragen nach, wie sie den Start erlebt haben. Das Interview mit Matthias Buob (FDP) folgt in den nächsten Tagen.


Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!